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Prostitution macht krank!

von Stephan Alder
  • 7. September 2020


Eine Positionierung von Dr. Stephan Alder

Mit dieser Stellungnahme wird aus meiner Sicht, der des Vorstandsvorsitzenden eines bvvp-Landesverbands und eines Delegierten der Landesärztekammer Brandenburg, vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen als Psychiater und Psychotherapeut Stellung zur gegenwärtigen Lage der Prostitution in Deutschland genommen. Diese Stellungnahme ist sowohl Diskussionsgrundlage als auch ein Aufruf, sich der ausgeführten Position in Teilen oder vollständig anzuschließen.

Die Thesen:

  • Prostitution als Interaktionserfahrung ist ein psychisch pathogener Faktor für alle Bürgerinnen und Bürger und die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Der seit 2002 legale Status der Prostitution verschärft die Pathogenität und verschleiert sie zugleich.
  • Wie Prostitution krank macht, wird mit Hilfe der Psychodynamik der traumatischen Situation und posttraumatischen Reaktion aus Sicht der Psychiatrie/Psychosomatik und Psychotherapie beschrieben.
  • Politische Forderungen leiten sich ab.

Ausgangssituation und Zusammenfassung: In meine Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie kamen Frauen mit krankheitswertigen psychischen Störungen wie Depressionen, Ängsten, dissoziativem Erleben, selbstverletzendem Verhalten verbunden mit Suizidalität und baten um Hilfe, wobei etwas in ihren Störungsbildern markant war und sie von anderen unterschied. Es stellte sich heraus, dass die Ursachen für erhebliche psychische Störungen traumatische Erfahrungen aus der Prostitution waren. Es bestanden massive gesundheitliche Beeinträchtigungen und Folgeerscheinungen. Das sind über Monate und Jahre anhaltendes Kranksein, viele AU-Tage, Krankenhausaufenthalte wegen Essstörungen, Angstzuständen und Depressivität; weiter gehörten dazu dissoziative Zustände (Zustände, in denen die Betroffenen nichts empfinden konnten), Suizidversuche, fragliches Suchtverhalten, diverse Narben auf der Haut und Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wie Schreckhaftigkeit, sich aufdrängende Gedanken und Bilder an das Trauma (Intrusionen) und eine sexualisierte Art von Affektisolation. Die psychische Not war groß. Die Frauen unterzogen sich vorher ambulant und stationär diversen psychiatrischen, psychotherapeutischen und internistischen Behandlungen. So entstand der Gedanke in mir, nicht nur Patientinnen zu behandeln, sondern in diesem Fall politisch aktiv zu werden. Es kann nicht sein, dass in einem humanistisch geprägten und demokratischen Rechtsstaat, der sich an den seit 1948 formulierten Menschenrechten in seinem Grundgesetz orientiert, Gesetze wie das Prostituiertengesetz von 2002 existieren, das Menschen nachhaltig psychisch krank macht.

Etwa zeitgleich häuften sich Publikationen zum Thema Prostitution. So schrieben unter anderen ein ehemaliger Zuhälter (Marquardt, 2011), eine ehemalige Prostituierte und heutige Psychotherapeutin (Schreiber, 2019) und ein ehemaliger Kriminalhauptkommissar (Paulus, 2020) zum Thema. Offenkundig und nicht zu übersehen war der Widerspruch zwischen legaler Prostitutionausübung und Menschenhandel, Sexsklaverei und organisierter Kriminalität (Paulus, 2020, Schwarzer, 2013) und den schwerwiegenden und anhaltenden gesundheitlichen Folgen für die Prostituierten. Öffentlich wurden mehrere Fallgeschichten. Zwei stehen hier exemplarisch: Barbara Schmid, 2020 „Wie holt man seine Tochter aus dem Bordell?“ Eine Reportage in Chrismon vom 01.05.2020 und Andreas Marquardt, 2011: „Härte: Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt“- die Geschichte eines Mannes, der nach viel häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen durch Familienangehörige (vor allem durch die Mutter) zum Zuhälter und Kriminellen wurde, inzwischen nach einem mehrjährigen Wandlungsprozess vor Prostitution warnt und Kinder in Selbstverteidigung trainiert. Beide Einzelschicksale stehen repräsentativ und schmerzlich mahnend für den Notstand Prostitution in Deutschland.

In Deutschland müssen wir von 100.000 bis 400.000 Prostituierten ausgehen, von denen 80 – 90 Prozent nicht aus Deutschland kommen. Die Hauptherkunftsländer der Prostituierten in Deutschland sind Rumänien, Bulgarien, Moldawien, Albanien, Weißrussland, Ukraine, einige auch aus asiatischen, wieder andere aus afrikanischen Ländern wie zum Beispiel Somalia und Nigeria. Wenn wir aufgrund der Daten bis zum Sommer 2019 von mindestens 10.000 deutschen sich Prostituierenden und mindestens 100.000 angeblich legal arbeitenden ausländischen Prostituierten ausgehen, ist es alarmierend, wenn das statistische Bundesamt 2018 angibt, dass sich 76 Personen sozialversicherungspflichtig im Rahmen von Prostitution/Sexarbeit registrieren ließen (Statistische Bundesamt, 2018; Paulus, 2020, S. 139). Inzwischen ist über das Statistische Bundesamt zu erfahren, dass nach einem Bericht vom 26.11.2019 (Niehr, 2019, statista.com/infografik) sich (schon) 32.799 Prostituierte in Deutschland als Folge des Prostituiertenschutzgesetzes von 2017 registrieren ließen. Davon sind 6.194 mit deutscher Staatsbürgerschaft, aus dem europäischen Ausland kommen 23.734 (meistens aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn), 1810 Personen stammen aus asiatischen Ländern, die in dem Bericht nicht differenziert aufgeführt werden, hinzu kommen 760 aus Amerika, 286 aus Afrika und 15 aus sogenannten anderen Ländern. Dabei ist ebenso zu erfahren, dass der Prozess der Erfassung der Prostituierten und der Prostitutionsstätten noch nicht abgeschlossen sei (ebenda).

Hinzu kommt, dass 65 Prozent der Prostituierten in Deutschland laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts von 2018 ohne Krankenversicherung sind (Steffan et al, 2018), obwohl es für jede und jeden in Deutschland Arbeitenden seit 2009 eine Krankenversicherungspflicht gibt. Daraus folgt, dass eine Überprüfung und dringende Änderung der rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen Deutschlands unbedingt zu fordern sind.

Als politische Lösung des Problems werden, erstens, die Einführung des Nordischen Modells vorgeschlagen, wonach die Prostituierten geschützt, die Freier und Bordellbesitzer jedoch bestraft werden. Zweitens sind umfassende Ausstiegswege für Personen aus der Prostitution aufzubauen und die schon bestehenden Möglichkeiten finanziell und organisatorisch zu fördern.

Der Beitrag zur medizinischen Lösung: Da Menschen unbedingt professionelle Behandlungsangebote erhalten sollten, die neben verschiedenen somatischen Erkrankungen häufig auch Symptome der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung zeigen, verbunden mit verschiedenen weiteren psychischen Störungen (Komorbidität), sind hier die Ärzte- und Psychotherapeutenschaft in ihrer Gesamtheit herausgefordert.

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Den vollständigen Artikel, erschienen im Brandenburgischen Ärzteblatt 09/2020, finden Sie hier ab Seite 24.
Wenn Sie sich der ausgeführten Position in Teilen oder vollständig anschließen können, engagieren Sie sich und melden Sie sich! Ich freue mich in jedem Fall über Ihre Reaktion an bvvp@bvvp.de.

Über den Autor

Stephan Alder

in Vertragsarztpraxis arbeitender Facharzt im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie.
Vorsitzender des bvvp-Brandenburg, Vorsitzender des Ausschusses für Psychosoziale Versorgung der Landesärztekammer Brandenburg, früheres Vorstandsmitglied und Menschenrechtsbeauftragter der Landesärztekammer Brandenburg.

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