Im Dialog

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Ich werde mich aller Voraussicht nach impfen lassen! Aber ich will nicht prioritär geimpft werden!

von Rainer Cebulla
  • 22. Dezember 2020

Am 21. Dezember hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) erwartungsgemäß beschlossen, den Impfstoff von BioNTech und Pfizer freizugegeben. Ab 27. Dezember sollten die Impfungen losgehen.

Der Deutsche Ethikrat hat dazu, gemeinsam mit der Wissenschaftsakademie Leopoldina und den Expert*innen der Impfkommission eine Strategie erarbeitet, in welcher Reihenfolge die am Anfang begrenzte Anzahl von Impfdosen eingesetzt werden soll. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat eine entsprechende Verordnung erlassen, in der drei Gruppen priorisiert werden. In die Gruppe mit der höchsten Priorität fallen unter anderem über 80-Jährige, Pflegebedürftige, medizinisches Personal auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, im Rettungsdienst und Personal im Pflegebereich.

Uns erreichen nun immer wieder Mails von Mitgliedern, die fragen, ob sich der bvvp dafür einsetzt, dass Psychotherapeut*innen prioritär geimpft werden.

Ich selbst arbeite mit den meisten PatientInnen in der Praxis, face to face (oder besser: mask to mask), mit einigen über Video oder Telefon. Nach jeder Sitzung wird komplett durchgelüftet. Praktisch alle meine Patient*innen tragen einen Mund-Naseschutz während der Therapie. Die wenigen Patient*innen, für die dies zum Beispiel ein Triggerreiz ist, haben inzwischen auf Videobehandlung umgestellt. Nach jeder Sitzung desinfiziere ich alle Türgriffe und sonstigen Kontaktflächen. Beim Reinkommen ist im Normalfall quasi keine Berührung irgendeines Gegenstandes in meiner Praxis durch die Patienten notwendig. Ich habe inzwischen ein gutes Auge dafür, was Patient*innen beim Rausgehen berühren.

Ich hatte kürzlich einen Coronafall in meiner Praxis. Nachdem der Patient mich darüber informiert hatte, meldete ich mich selbst beim Gesundheitsamt. Tags darauf wurde ich zurückgerufen. Mir wurde aufgrund der Beschreibung der Kontaktsituation zwar keine Quarantäne angeordnet,  aber dringend geraten, baldmöglichst einen PCR-Test durchführen zu lassen und solange zu Hause zu bleiben. Zwei Tage später hatte ich einen Termin im Testzentrum. Tags darauf hatte ich Gott sei Dank schon ein negatives Testergebnis. Durch den Corona-positiven Patienten haben die Hygienemaßnahmen also eigentlich ihre Feuerprobe bestanden.

Vergangenen Mittwoch, am späteren Abend, hatte ich dann eine Sitzung mit einer Patientin, die in einer Altenpflegeeinrichtung arbeitet. Sie war sichtlich erschöpft und erzählte mir, dass von den aktuell 23 in der Einrichtung befindlichen Bewohner*innen 16 positiv auf Corona getestet seien. Gott sei Dank verlaufe die Erkrankung, trotz des oft hohen Alters der Betroffenen, zum guten Teil eher mild.

Das bedeute aber auch, dass alle anderen Bewohner*innen im Moment noch in der Einrichtung seien. Gleichzeitig seien aktuell 7 von 12 Mitarbeiter*innen infiziert und in Quarantäne. Die Patientin berichtete mir, dass sie den ganzen Tag mit Schutzanzug, Gesichtsbrille, Mund-Naseschutz und Handschuhen arbeite. Sie schwitze eigentlich den ganzen Tag in ihrer Schutzbekleidung. Sie berichtete von 12-Stunden-Schichten und dem Fehlen einer längeren Auszeit seit mehreren Wochen. Erst um die Weihnachtszeit werde sie einige freie Tage haben. Sie werde aber auf Abruf bereitstehen müssen, falls es zu weiteren Personalausfällen komme. Auch die Angst sich selbst anzustecken, sei fast immer präsent!

Inzwischen sei ein Bundeswehrsoldat als Hilfe mit anwesend, der aufgrund fehlender Erfahrung in diesem Bereich allerdings nur Hilfsaufgaben erledigen und dadurch ein wenig entlasten könne. Die Mitarbeiter*innen würden immer wieder kurz auf den Balkonen die Masken und ihre Brillen abnehmen, um wenigstens mal kurz durchatmen zu können.

Nach dieser Sitzung habe ich dann erst einmal überlegt, ob es nicht gut wäre, mich beim Pflegepool Bayern zu informieren, ob ich evtl. den Kriterien genüge, um in solchen Situationen zumindest ein wenig zu unterstützen.

Ich verstehe, dass sich viele Kolleg*innen auch Sorgen machen und sich aus gutem Grund für eine Impfung entscheiden würden. Ich verstehe auch, dass sie hoffen, sich möglichst bald impfen lassen zu können. Natürlich sind auch wir Psychotherapeut*innen aufgrund unserer langen Kontaktseiten ggf. gefährdet. Aber die meisten unserer Patient*innen sind im Normalfall nicht infiziert.

Ich finde es gut, wenn sich Berufsverbände aktiv und mit Nachdruck für ihre Mitglieder einsetzen. Darum bin ich ehrenamtlich berufspolitisch tätig! Im Moment steht allerdings zu befürchten, dass es eine Diskussion darüber geben wird, wer gerade am wichtigsten ist und dabei manchmal vielleicht die Belastetsten aus dem Blick geraten.

Ich will nicht prioritär geimpft werden. Wenn genügend Impfdosen zur Verfügung stehen, werde ich mich aller Voraussicht nach impfen lassen.

Mir kommt aber gerade in diesen Zeiten verstärkt die Definition von sozialer Kompetenz in den Kopf, als Fähigkeit, einen sinnvollen Ausgleich zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen des Gegenübers zu finden. Ich finde, in diesem Sinne soziale Kompetenz zu zeigen, steht uns Psychotherapeut*innen in diesen Zeiten gut an.

Über den Autor

Rainer Cebulla

Dipl.-Psych. Rainer Cebulla
lebt und arbeitet in eigener Praxis als psychologischer Psychotherapeut in der Nähe von Würzburg. Seit 2011 im Vorstand des bvvp-Bayern. Seit 2016 kooptiert im bvvp-Bundesvorstand. Seit 2019 einer der beiden gleichberechtigten Vorsitzenden des bvvp Bayern. Delegierter in der PtK Bayern und der Bundespsychotherapeutenkammer. Mitglied im beratenden Fachausschuss Psychotherapie der KV Bayern und in diversen Ausschüssen und Arbeitskreisen von Kammer und KV.

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