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Welche Fragen treiben Psychotherapeut*innen gerade um? Was müssen sie wissen, wenn sie in den Beruf starten – oder in Zeiten des beruflichen Umbruchs? Unsere bvvp-Blogautor*innen schreiben über alle brisanten Themen – und sind dabei mit Ihnen im Dialog. Einfach im Mitgliederbereich anmelden und mitdiskutieren!

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In welcher Welt wollen wir leben?

von johannes

Wie wollen wir arbeiten, lernen, lehren und uns als Psychotherapeut*innen mit den Corona-Bedingungen in unsere Arbeitswelt einbringen?

Eine Reflexion von Jonas P.W. Göbel, Vorstandsbeauftragter des bvvp

Wifried Bion, einem der frühen Psychoanalytiker, wird sinngemäß die Aussage zugeschrieben, ein Psychotherapeut müsse, ähnlich wie ein Offizier, in der Lage sein „… unter Beschuss klar zu denken.“ – Das martialisch wirkende Bild ist vor dem Hintergrund von Bions Erfahrungen in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges zu verstehen, deren Bearbeitung später sein Werk geprägt haben.
Wir stehen heute weit weniger „unter Beschuss“ als Bion, aber einer vitalen Bedrohung stehen wir auch gegenüber. Damit können wir uns eingeladen fühlen, kreativ-kritisch-konstruktiv mit einer der basalen Realitäten der Psychotherapie umzugehen: Wahrnehmung, Erforschung und Re-Organisation des Denkens und Fühlens. Ein Maßstab sollte sein, dass Psychotherapeut*innen in einer so angstbesetzten Lage nicht Teil des Problems werden, sondern Angebote machen oder auch aufzeigen, wie mit Ängsten, Unsicherheiten und einer in Teilen veränderten Welt umgegangen werden kann.

Aber was bedeutet das für die jungen Psychotherapeut*innen?

Die Frage ist: Was sind jetzt die größten Probleme für die werdenden Psychotherapeut*innen? Psychotherapie ist ein Handwerk, eine Wissenschaft und eine Kunst – die fachlichen Informationen zu lesen, ist weniger die Herausforderung, als in den praktischen Teilen Erfahrung zu sammeln, begleitet Fehler machen zu dürfen und damit sich selbst in der Selbsterfahrung und die Patienten in den praktischen Teilen der Ausbildung, immer besser kennen- und verstehen zu lernen. Seit gut einem Dreivierteljahr suchen wir nach Möglichkeiten, unseren „Kontaktberuf“ auch unter der Bedingung auszuüben, dass die Kontaktbedingungen eingeschränkt sind, dabei die kommende Generation von Kolleginnen und Kollegen auf ihre Aufgabe vorzubereiten und auch noch eine gleichbleibend gute Versorgung zu gewährleisten. Für die Kolleginnen und Kollegen in den Aus- und bald der Weiterbildung fallen durch die Lockdowns viele der bisher bewährten Möglichkeiten weg, sich in ihre Aufgabe einzufinden. Und wir Lehrenden sind noch mehr als sonst darauf angewiesen, kreative Lösungen für die Begleitung in der praktischen Ausbildung zu finden. Unsicherheiten sind oft ein wesentlicher Teil der Ausbildung. Auf unterschiedlichen Ebenen erschweren knappe Ressourcen, nötige Orts- und Arbeitsplatzwechsel den beruflichen Alltag, doch je mehr Kraft in die Alltagsgestaltung investiert werden muss, umso weniger bleibt für die Entwicklungsprozesse übrig, die durchlaufen sein sollten, bis die Approbation erreicht ist.
Auch wenn es plausibel erscheint, dass man hinterher immer schlauer ist, bringt uns die Frage nach den Fehlern des ersten Lockdowns nur wenig weiter. – Wir wissen schlichtweg nicht, wie sich die Lage bei anderem Verhalten hätte entwickeln können. Offen ist auch die Frage, ob es richtig war, im ersten Lockdown so viele Institutionen / Kliniken in ihren Arbeitsweisen zu beschränken. Der weltweite Vergleich zeigt, dass in Deutschland sowohl im ersten, als auch im zweiten Lockdown sehr viele Schritte zielführend waren. Auch wenn es viele kritische Stimmen gibt und einzelne Vorgehensweisen sicher auch hätten optimiert werden können, lässt sich bei nüchterner Betrachtung schnell erkennen, dass wir alle „Auf Sicht“ fahren. Und es wird deutlich, dass unser Gesundheitssystem noch funktioniert und wir als Gesellschaft sogar in der Lage sind, die Folgen von irrationalem oder gar verantwortungslosen Umgang Einzelner mit der Corona-Lage zu verkraften.

Auf dieser Basis können wir die Chancen nutzen, die sich aus dieser Krise ergeben. Etwa, mit feineren Differenzierungen therapeutische On- und Offline-Angebote aufzubauen und zwischen ihnen für unsere Nutzungszwecke auszuwählen. Wir können durch Reiseaktivitäten verursachte Umweltbelastungen reduzieren und realisieren, dass viele Überzeugungen, die wir bisher über die Voraussetzungen gelingender Kommunikation, die Notwendigkeit von Reisen oder die Ausgestaltung unserer Arbeit hatten, neu bewertet werden müssen.

Autor*in

johannes

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