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Nachruf: zum Tod der Psychoanalytikerin Anna Ornstein (27.01.1927–02.07.2025)

- 17. September 2025
- Psychoanalyse
- Kinderpsychotherapie
- Selbstpsychologie
- Psychodynamik
- Anna Ornstein
- Nachruf
- Familientherapie
In diesem Sommer verstarb am 2. Juli die Psychoanalytikerin Anna Ornstein. Sie und ihr späterer Mann Paul Ornstein überlebten als Einzige in ihren Familien den Holocaust, bewältigten das damit einhergehende potenzielle Trauma und begaben sich, nachdem sie geheiratet hatten, schon in ihren jungen Jahren auf den zunächst medizinischen und in der Weiterführung psychoanalytischen Weg. Sie waren sehr einflussreich im Bereich von Theorie und Klinik der Analytischen Selbstpsychologie. Diese wurde begründet von Heinz Kohut, der am psychoanalytischen Institut in Chicago lehrend tätig war.
Nach dem Krieg studierten beide in Heidelberg Medizin und emigrierten danach nach Cincinnati (Ohio). Sie arbeiteten dort an der Universitätsklinik – Paul Ornstein als Professor im Feld der Erwachsenen-Psychiatrie, Anna Ornstein als Professorin für Kinder und Jugend-Psychiatrie. Die Arbeit in der Ambulanz brachte sie in Kontakt mit den alltäglichen therapeutischen Herausforderungen, da gerade dort die Veränderungen in den Lebensstrukturen und den damit verbundenen Schwierigkeiten besonders deutlich werden. An den Wochenenden flogen sie nach Chicago, um am dortigen psychoanalytischen Institut ihre Ausbildung zum selbstpsychologischen Analytiker unter Heinz Kohut zu durchlaufen. Zunächst waren sie Schüler, doch bald schon wurden sie zu weltweit führenden Vertretern dieses analytischen Zugangs.
Trotz des erlebten Horrors schlossen sie sich einer Form der Psychoanalyse an, in der der Mensch als von Natur aus gut betrachtet wird und Einfühlung ein wichtiger Baustein ist. Man sieht die Welt mit den Augen der anderen und ist fest davon überzeugt, dass es Menschlichkeit gibt. 1976 veröffentlichte Anna Ornstein ihren ersten Aufsatz „Kontaktaufnahme mit der inneren Welt des Kindes“, in dem sie die regulierenden und spiegelnden Funktionen der Fürsorgepersonen als Kernelemente darstellte. 1981 wurde dieser Aufsatz ins Handbuch für Kinderpsychotherapie (Biermann) aufgenommen. Diese Arbeit war die Ouvertüre für ein ungewöhnlich reiches und kreatives Wissenschaftsleben mit vielen Veröffentlichungen und umfangreicher Lehrtätigkeit.
Auf dem Weg zum Konzept einer eigenständigen psychoanalytischen kindzentrierten Familientherapie
Mit diesem Konzept vollzog sich ein Paradigmenwechsel in der analytischen Kinderpsychotherapie, da nicht mehr die Triebe und ihr Schicksal im Fokus standen, sondern die Entfaltung des Selbst im familiären System. Da die Elternarbeit im Verbund mit der Therapie des Kindes ein wesentlicher Baustein des Konzepts war, führte dies zu einem veränderten Behandlungskonzept. In diesem Zusammenhang gehört auch der gemeinsam mit ihrem Mann verfasste Aufsatz „Elternschaft als Funktion des Erwachsenen Selbst“ (1985; dt.1994), der auch heute noch als eine der reifsten textlichen Ausarbeitungen in diesem existenziellen Feld im Bereich der kindlichen Entwicklung betrachtet werden kann.
Dieses Konzept führte konsequenter- und notwendigerweise zu einem Behandlungszugang, bei dem das familiäre System aus der Perspektive des sich entwickelnden Kindes, das in Probleme geraten ist, gesehen werden muss. Der Therapeut, der das Verhalten und die Nöte des Kindes aus dessen Perspektive zu verstehen versucht, muss das Verstandene den Eltern „übersetzen“, und dieser neue Zusammenhang ermöglicht den Eltern, das Kind regulierend und empathisch zu begleiten. Anna Ornstein entwickelte dazu den Begriff des therapeutischen Milieus als Ergänzung zur therapeutischen Behandlung. Dieser Zugang ermöglicht häufig ein eher niederfrequentes Setting, was der therapeutischen Verantwortung für eine Versorgungspsychoanalyse mit Blick auf die allzu häufig auftretende Not an Therapieplätzen besser gerecht werden kann.
Durch ihr Wirken erlangte Anna Ornstein in der europäischen selbstpsychologischen Community eine Vorbildfunktion, insbesondere im Bereich wissenschaftlicher Konzeptualisierung. Der Einfluss ihrer Beiträge zur Kinderpsychotherapie blieb jedoch auf den recht überschaubaren Kreis der selbstpsychologisch arbeitenden Kinderanalytiker beschränkt. Daher ist ihr höchst wirksames Behandlungskonzept – vergleichbar mit der Säugling-Mutter-/Eltern-Therapie, bei der das Kind im therapeutischen Setting mit anwesend sein muss – auch bislang nur sehr begrenzt verbreitet.
Im Rahmen der kassenärztlichen Versorgung steht in der Säuglings-/Kleinkind-Eltern-Therapie der Fokus der Behandlung auf dem relationalen Interaktionsgeschehen. Es stellt sich die Frage: Warum sollte dieses Konzept nicht auch bei größeren Kindern wirksam und somit im Rahmen der kassenärztlichen Versorgung angeboten werden können? Natürlich werden nicht alle Kindertherapeuten in der sehr frühen Kindheit therapeutisch tätig, geschweige denn mit selbstpsychologischem Hintergrund. Vielleicht liegt darin begründet, warum dieses Konzept bisher nicht jene Verbreitung und Würdigung erhalten hat, die ihm dringlichst zukommen sollte.
Vor 35 Jahren durfte ich mich, zunächst in Cincinnati und dann, nach der Übersiedelung der Ornsteins nach Boston, an der Harvard-University in dieses Konzept hineinarbeiten, was mir die Möglichkeit zu einer relativ zügigen Patientenaufnahme gab. 30 Jahre lang flog ich regelmäßig zur Supervision zu meiner „analytischen Mutter“, organisierte jährlich einen Supervisionsaufenthalt einer deutschen selbstpsychologisch arbeitenden Kollegengruppe in Boston. Zudem erweiterte ich durch die Zusammenarbeit mit führenden Wissenschaftlern im Bereich der Affektregulationstheorie das von Anna Ornstein entwickelte Konzept der psychodynamischen kindzentrierten Familientherapie. Wie versöhnlich und menschlich großzügig meine analytische Mutter trotz ihres erlebten Horrors im Holocaust war, zeigte sich auch daran, dass sie mich– eine Deutsche – als ihre Vertretung auf eine wichtige Tagung nach Jerusalem schickte. Diese Würdigung ist eines der bedeutsamsten Ereignisse auf meinem beruflichen Weg.
Anna Ornstein ist 98-jährig in Boston verstorben. Sie hat kreativ und ungemein verantwortungsbewusst eine kollaborative kindzentrierte Familientherapieform auf den Weg gebracht, die den Notwendigkeiten des Therapiealltags gerecht werden kann.
Literaturhinweise:
Ornstein, Anna und Rass, Eva (2020): Toward a Theory of Child-Centered Psychodynamic Family Treatment. The Anna Ornstein Reader, London: Routledge.
Ornstein, Anna und Rass, Eva (2014): Kinderzentrierte psychodynamische Familientherapie. Gießen: Psychosozial-Verlag.
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