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„Stabil“ – eine Rezension der ARD-Serie

Als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut begrüße ich wirklich sehr die aktuelle Entwicklung des Fernsehens bezüglich der Thematisierung von psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Nicht nur die bereits in einem Blogtext vorgestellte Serie „Safe“ von Caroline Linke über eine ambulante Form der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, auch die Jugendserien „Euphorie“, „Everyone is f*cking crazy“ oder die Mystery-Coming-of-Age-Thriller-Serie „Schattenseite“ zeigen, welche Auswirkungen es hat, wenn bei jungen Menschen mit der Psyche etwas nicht stimmt. Jüngst kam mit „Stabil“ eine neue Serie hinzu, die ich Ihnen mit Blick auf die vor uns liegenden freien Tage unbedingt empfehlen möchte.
Schon im Titel wird mit der Differenz zwischen „stabil“ und „instabil“ gespielt. Wer dabei an „emotional-instabil“ denkt, irrt nicht, denn gerade die schwierigen Grenz- und Randgänge der Jugend zwischen Pubertät und Adoleszenz sind jene, die einen in der persönlichen Ich-Werdung am meisten prägen. Und es sind sowohl die Konflikte der frühen Kindheit, als auch die Reaktualisierung dieser Konflikte in der gestärkten Position der Jugend, die einen zu der Person machen, die man letztlich wird.
Der Begriff Coming-of-Age bezeichnet das Genre solcher Filme und Serien, die das Heranwachsen und die Probleme mit dem Erwachsenwerden zum zentralen Thema machen. Als beispielhaft gelten Klassiker wie „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ nach einer Kurzgeschichte von Stephen King, der schauspielerisch faszinierende Film „Boyhood“ von Richard Linklater, eine fiktive filmische Langzeitstudie des Jugendalters, oder der All-time-Klassiker „Die Reifeprüfung“ mit Dustin Hoffman.
Haben derartige Filme unbedingt etwas mit psychischen Erkrankungen zu tun? Natürlich nicht. Das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung des Psychoanalytikers Erik H. Erikson und der Begriff des psychosozialen Moratoriums charakterisieren treffend die darin behandelte Identitätsdiffusion der Adoleszenz zwischen den Fragen: „Wer bin ich?“ und „Wenn ja: bin ich das doch nicht?“
Stabil erzählt nun ein ähnliches Moratorium der Hauptprotagonistin Greta zwischen den Begriffen stabil und instabil, zur Behandlung eines Konflikts, der freilich stärker ist als die normale Frage nach der eigenen Identität. Greta unternimmt einen Suizidversuch, da sie sich die Schuld am Unfalltod ihrer ein Jahr älteren Schwester Nele gibt. Dieser geschah vor dem Hintergrund, dass Greta zuvor eine Liebesgeschichte zu Paul, dem Freund ihrer Schwester begonnen hatte. Die Irrungen und Wirrungen der Liebe sind schon sinnbildlich für die Problematik des Erwachsenwerdens, sie treten aber selten im Kontext solch traumatisierender Ereignisse auf. Wenn es aber um suizidale Gedanken oder gar Handlungen geht, dann lautet die Empfehlung, der sich auch die Eltern stellen müssen, meist ein Aufenthalt in der Psychiatrie, auch um eine fachliche Abklärung zu erhalten. Schließlich ist Suizidalität eines der gravierendsten Symptome psychischer Erkrankungen, vor allem bei einer Depression.
Die Konzeption der Headautorin Teresa Fritzi Hoerl, der offenbar gute Recherchen vorausgegangen sind, zeigt beispielhaft ein Kaleidoskop psychischer Krankheitsbilder in der Jugend. Diese werden dann unter der Regie von Hoerl und Sinje Köhler behutsam, aber auch mit einer pulsierenden Vehemenz, die an den französischen Autorenfilmer Gaspar Noe (Climax) erinnert, in Szene gesetzt. Dabei findet die Inszenierung genau den Drive, den eine Jugendserie braucht, um nicht in langweiligen Dialogduellen zu enden.
Kritisch einwenden könnte man, dass die Kombination so unterschiedlicher Krankheitsbilder auf einer Station in der psychiatrischen Realität nicht vollkommen realistisch wäre. Dort würde das enge Nebeneinander von Frederik „Fresse“ mit seiner sehr starken Störung des Sozialverhaltens mit dem computerspielsüchtigen „Killer“ und dem depressiven Alireza vermutlich als problematisch erachtet, wenn man sich die Konflikte, die allein aus der Verbindung ihrer Probleme erwachsen, näher betrachtet. In realis würde der Patientenschutz hier wohl als wichtiger erachtet. Auch Michelle, eine weitere Protagonistin, erscheint oft äußerlich arg verwahrlost, – streckenweise unrealistisch, wenn man sich den Alltag in der Psychiatrie verdeutlicht, der nun mal klare Regeln braucht, um überhaupt eine Behandlung zu ermöglichen, doch dramaturgisch wahrscheinlich sinnvoll. Schließlich bewegen wir uns im Rahmen einer Fernsehserie und da ist es verständlich, dass verdichtet werden muss und eine Station eben als pars pro toto für einen größeren Teil der Jugendpsychiatrie steht.
Die eigentliche Errungenschaft der Serie liegt aber in einer Darstellung, die geeignet ist, die Berührungsängste mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie herabzusetzen, – gilt sie doch oft als letzte Instanz. Sich dort hinzuwenden, stellt eine große Hürde dar, weil man sich eingestehen muss, dass manches eben nicht mehr ohne professionelle Hilfe weitergehen kann. Dabei sind geplante stationäre/teilstationäre oder tagesklinische Behandlungen ein empfehlenswerter und meist notwendiger Schritt, um Chronifizierungen zu verhindern. Und dieser Serie gelingt es, die Jugendpsychiatrie als geschützten Raum der Unterstützung sichtbar zu machen – auch mit allen Schwierigkeiten und institutionellen Zwängen, denen Mitarbeitende dort ausgesetzt sind. Die positive und immer auf die Jugendlichen fokussierte Inszenierung der Serie, lässt die Protagonist*innen nie gänzlich die Hoffnung verlieren, auch wenn sie in den Abgrund blicken. Das perfekt gecastete und immer glaubhaft spielende Schauspielensemble tut hier ein Übriges.
Kurzum, wer eine einfühlsame Serie über das Erwachsenwerden sehen möchte, die auf einer Station in der Jugendpsychiatrie spielt, dem sei „Stabil“ ans Herz gelegt. Weniger, weil sie dort erfahren können, was fachtherapeutisch bei welcher Symptomatik „gemacht wird“, sondern was mit den Patient*innen geschieht, die sich einer so wichtigen Entscheidung stellen, Hilfe in der Jugendpsychiatrie zu suchen.
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