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Kritische Gedanken zu Mutter- und Vatertag

Kind an der Hand eines Erwachsenen
von Helga Krüger-Kirn

Mutter- und Vatertag werden jedes Jahr mit einer Vielzahl von Geschenken, in Werbespots und bestimmt von emotionalen Narrativen gefeiert. Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang die geschlechtsspezifische Zuordnung der Geschenkideen: Für Mütter sind es Blumen, Pralinen und Parfum, für Väter Werkzeuge und Kaffeebecher. Diese Stereotype sind nicht zufällig, sondern spiegeln heteronormative Elternschaftsvorstellungen wider. Doch hinter der scheinbar harmonischen Oberfläche offenbart sich ein tiefgreifendes Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichem Wandel und beharrlich fortbestehenden Geschlechternormen. Während viele Menschen diesen Tag feiern, fühlen sich andere – insbesondere Mütter und Väter, die sich mit traditionellen Rollen nicht identifizieren können und wollen – von ihm ausgeschlossen oder gar belastet. Denn, obwohl die Familienformen vielfältiger geworden sind, bleibt die mediale und gesellschaftliche Darstellung von Elternschaft stark an geschlechtsspezifische Rollenbilder gebunden. Dabei ­handelt es sich um ganz spezifische, ideo­logisch und affektiv aufgeladene Vorstellungen von Mutterschaft und Vaterschaft, die sich nahtlos in neokonservative und rechte Weltanschauungen einfügen lassen. Hier beeindruckt die Nähe zu den in den sozialen Medien verbreiteten Posts der Tradwives, die mit dem Bild einer für die Familie aufopfernden Mutter und finanziell sorglosen Hausfrau beeindrucken. Hier wird ein elementarer Widerspruch offensichtlich! Denn gerade diese verdienen mit ihren Posts sehr wohl Geld. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass hinter den idealisierten Darstellungen eine gesellschaftliche Realität vertuscht werden soll. Denn das Ideal des allein verdienenden Familienvaters entspricht schon lange nicht mehr der Realität. Weder früher noch heute war es über alle Gesellschaftsschichten hinweg möglich, dass eine Familie (mit wenigen Ausnahmen) ohne ein zweites Einkommen gut leben konnte oder kann. Neben Geschichtsverklärung scheint sich hinter dieser Idealisierung eine ideologisch und affektiv aufgeladene Strategie zu verbergen, die sich nicht nur in neokonservative oder rechte Narrative einordnen lässt, sondern auch zur Stabilisierung bisheriger gesellschaftlicher – wie auch wirtschaftlicher – Strukturen beiträgt.

Dieser Beitrag soll verdeutlichen, warum eine geschlechtsunabhängige, gesamtgesellschaftliche Anerkennung von Fürsorgearbeit nicht nur gerecht, sondern für unser demokratisches Grundverständnis unverzichtbar ist.

1. Der Gender Care Gap: Eine strukturelle Ungleichheit

Trotz vieler Fortschritte in der Gleichberechtigung ist die Last der unbezahlten Sorgearbeit nach wie vor ungleich verteilt. Laut der Zeitbudgetstudie 2024 (Statistisches Bundesamt) leisten Frauen in Deutschland etwa 44 Prozent mehr unbezahlte Fürsorgearbeit als Männer. Obwohl die mütterliche Berufstätigkeit hoch im Kurs steht, bleibt die Zuständigkeit für Kinder und Familie nach wie vor an die Position der Mutter gebunden. Dieser sogenannte Gender Care Gap ist kein individuelles Versagen, sondern verursacht durch strukturelle Faktoren und durch den Kindeswohldiskurs untermauert. In diesem dominieren geschlechtsspezifische Lesarten der Bindungs- und Entwicklungstheorien, die die Mutter als „sicheren Hafen“ für Glück und Wachstum in den Mittelpunkt stellt (Krüger-Kirn, 2024). Auf den Punkt gebracht: die Hauptverantwortung für das Kind wird der Mutter zugeschrieben. Analysen im Rahmen der WZB-Studie (2026) zeigen, dass Mütter auch dann sehr viel Zeit in ihre Kinder investieren, wenn sie beruflich sehr engagiert sind. Mütter versuchen damit, dem Stereotyp der karriereorientierten Rabenmutter entgegenzuwirken und zeigen gleichzeitig: Job und Familie lassen sich verbinden. In unserer Studie Mutterschaft und Geschlechterverhältnisse (2020) haben wir dafür den Begriff der Do-it-all-Mother geprägt: die Mutter, die alles schafft – und dabei dennoch weiterhin als unzureichend gilt. Die gesellschaftliche Verherrlichung der Mutterrolle als Do-it-all-Mother (Krüger-Kirn, 2020) führt zu einem paradoxen Effekt: Mütter werden als starke, selbstbestimmte Frauen gefeiert – gleichzeitig wird ihnen die Verantwortung für alle Probleme der Vereinbarkeit aufgebürdet.

2. Das Ideal der „Do-it-all-Mother“ und ihre psychosozialen Folgen

Dieses Ideal der Do-it-all-Mother ist nicht nur unrealistisch, sondern verschleiert, dass der Konflikt der Vereinbarkeit kein individuelles Versagen ist, sondern das Ergebnis struktureller Ungerechtigkeiten, die durch kulturelle Normen, rechtliche Rahmenbedingungen und wirtschaftliche Strukturen verfestigt werden. Studien zeigen, dass Mütter, die diesem Druck unterliegen, hohe psychische und physische Kosten tragen: Burn-out, Depressionen, Schamgefühle und ein Gefühl des Versagens. Gefühle der Ohnmacht und Erschöpfung werden dabei nicht nur als Schwäche, sondern auch als unvereinbar mit dem Idealbild der Do-it-all-Mother und der allumfassenden Mutterliebe wahrgenommen. Denn das Ideal der „natürlichen Mutterliebe“ verbunden mit der umfassenden Bereitschaft, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, ist tief verwurzelt. Die Metaanalyse von Göbel et al. (2025) zeigt: Dieses Ideal ist global verbreitet und verhindert, dass Mütter ihre Erfahrungen teilen können. Statt öffentlicher Debatten über strukturelle Ungerechtigkeiten entsteht ein Kreislauf aus Selbstzweifeln, Isolation und Scham. Studien wie die von Gebrande (2016) zeigen, dass kollektiver Austausch – etwa in Online-Communities oder Kampagnen wie #regrettingmotherhood – Mütter entlastet, ihre Erfahrungen normalisiert und die Mutterrolle entmystifiziert.

3. Mütterlichkeit ist keine biologische, sondern eine psychosoziale Verbindung

Durch die Verschiebung der Vereinbarkeitsproblematik auf die Mutterposition werden Geschlechterunterschiede in der Elternschaft nicht nur weiter verstärkt und instrumentalisiert. Um die Schieflagen in der elterlichen Beziehungsgestaltung zu verändern, müssen wir uns mit der Jahrhunderte alten Überzeugung auseinandersetzen, dass schwangere Körperlichkeit nicht „von Natur aus“ auf die Mutterrolle vorbereitet. Denn Mutterliebe und mütterliche Verbundenheit mit dem ungeborenen Kind entwickeln sich nicht ausschließlich durch die körperlichen Erfahrungen während einer Schwangerschaft.Diese können sehr unterschiedlich sein. Mütterlichkeit ist nicht weiblich, nicht biologisch, nicht natürlich – sondern eine soziale Beziehung, die sich durch Handeln, Empathie und Fürsorge konstruiert. Nur durch die Anerkennung von Mütterlichkeit als Beziehungsform kann eine inklusive und gerechte Fürsorge für alle Geschlechter und Familienformen gelingen. Unterstützung erfährt dieser Ansatz, dass Mütterlichkeit nicht an die biologische Mutterschaft eines weiblichen Körpers gebunden ist, letztlich aus der Neurobiologie: Es ist nicht die biologisch-hormonelle Prädisposition des weiblichen Körpers, die das fürsorgliche Verhalten erzeugt, sondern die tatsächliche Ausübung von Fürsorge, die entsprechende hormonelle und zentralnervöse Prozesse auslöst. Das bedeutet: Mütterlichkeit kann von jedem Menschen – unabhängig vom Geschlecht oder biologischen Körper – gelebt werden. Daher muss das Konzept der reproduktiven Selbstbestimmung erweitert werden und über die Themenfelder rund um die biologische Reproduktion (Schwangerschaft, Geburt und Abtreibung) hinausgehen. Die reproduktiven Rechte von Müttern müssen auf alle Phasen der Elternschaft, sprich auf Entscheidungen über Fürsorge, Arbeitsteilung, Berufstätigkeit und Lebensgestaltung, bezogen werden.

4. Fürsorge wertschätzen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Zentrale Voraussetzung für eine echte Geschlechtergerechtigkeit ist es, reproduktive Arbeit als gesellschaftlich notwendig und wertvoll zu erkennen. In der Konsequenz benötigen wir für ein gesellschaftlich tragfähiges Konzept von Mütterlichkeit ein Verständnis von geschlechterunabhängiger Mütterlichkeit als zentraler Säule für das Gelingen von Geschlechtergerechtigkeit in der Gesellschaft. Doch solange unbezahlte Care-Arbeit nicht als „Arbeit“ anerkannt wird – wie die Berichte des BMFSFJ zeigen – bleibt die Ungleichheit bestehen und als tragender Pfeiler des Wirtschafts- und Sozialsystems ausgeblendet.

Daher ist die Forderung nach einer geschlechtergerechten Aufteilung elterlicher Fürsorgetätigkeiten untrennbar mit Veränderungen der Geschlechtervorstellungen verknüpft. Dieses Umdenken richtet sich primär auf eine Abkehr von traditionellen Rollenverständnissen, um eine familienfreundlichere Balance von Familie und Erwerbsarbeit, von Erzieher und Ernährer für sich und andere zu gestalten.Doch auch in der Rede von einer „neuen Vaterschaft“ offenbart sich eine große Lücke zwischen partnerschaftlichem Selbstanspruch und väterlicher Realität. Entscheidende Faktoren sind auch hier normative Stereotypien, die den Mann und Vater an die Ernährerposition und damit an den Zwang binden, weiterhin in ihren Identitätsvorstellungen Unterschiede gegenüber „den“ Frauen zu betonen. Diese Unterschiede beziehen sich insbesondere auf sogenannte mütterliche Eigenschaften wie Empathie, Fürsorge und Altruismus und lassen sich exemplarisch an neueren Väter- und Elterndiskursen ablesen:Väterliches Engagement wird oftauf explorativeOutdoor-Aktivitätenbezogen, unterschwellig verbunden mit einer Abwertung der Mutterposition.Dies ist aufgrund der mangelnden gesellschaftlichen Wertschätzung reproduktiver/mütterlicher Verantwortung und Fürsorge sogar nachvollziehbar. Ein wichtiger und notwendiger Schrittim Sinne einer gleichberechtigt(er)en Teilhabe an den Familienaufgaben bleibt ein gesellschaftliches Umdenken in Bezug auf die Anerkennung von Fürsorgearbeit. Solange diese Wertschätzung fehlt, werden trotz der häufigen Rede von »neuer Vaterschaft« und »selbstbestimmter Mutterschaft« nicht nur Geschlechterstereotype, sondern auch eine Ungleichheit und Hierarchie zwischen Mutter- und Vaterposition fortgeschrieben.

Mütterlichkeit ist eine Form der menschlichen Beziehung, die von jedem Menschen gelebt werden kann. Sie ist essenziell für das psychische, körperliche und soziale Wohlergehen aller Menschen. und hat direkte Auswirkungen auf die Positionen von Eltern und die auf die Entwicklung der Kinder. Wenn Väter und elterliche Partner sich vermehrt im Alltag zu Hause engagieren, erleben Kinder das als normal. Das trägt zu einem veränderten Rollenverständnis bei und ist ein wichtiger Beitrag zur Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und den Eltern.

Erst wenn wir Mütterlichkeit als gesellschaftliche Aufgabe verstehen – nicht als individuelle Last, sondern als gemeinsame Verantwortung – dann wird Elternschaft gerecht.

Denn nur wenn Fürsorge wertgeschätzt wird,
nur wenn Arbeit anerkannt wird,
nur wenn Liebe nicht zur Pflicht wird –
ist echte Geschlechtergerechtigkeit möglich.

Nicht nur in der Familie.
Sondern in der Gesellschaft.

Literatur:

Brocker, Felix und Huemer, Sarah: „Neue WZB-Studie zu Generationen: Was machen Eltern heute anders? Generationen im Vergleich: Der Trend geht zur intensiven Elternschaft“, in FAZ v. 05.04.2026 (verfügbar unter: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/neue-wzb-studie-zu-generationen-was-machen-eltern-heute-anders-accg-200698246.html, abgerufen am 08.05.2026).

Gebrande, J. u. a. (2016): „Die Nachweisbarkeit von Wirkungen Klinischer Sozialarbeit. Das Forschungsprojekt SODEMA-Soziotherapie bei Müttern mit depressiven Erkrankungen“, in: Soziale Arbeit, 65(6+7), S. 229–236.

Göbel, S., Schäfer, M. und Schmitt, T. (2025): „Global patterns of maternal idealization: A meta-analysis of cross-cultural studies”, in: Journal of Family Psychology 39(2), S. 112–125. https://doi.org/10.1037/fam0001234

Krüger-Kirn, H. und Tichy, L. (2020): „Elternschaft und Gender Trouble. Inszenierungen moderner und tradierter Mutterbilder“, in: Henninger, Annette und Birsl, Ursula (Hg.): Antifeminismen. ‚Krisen‘-Diskurse mit gesellschaftsspaltendem Potential?, Bielefeld: transcript, S. 193–230.

Krüger-Kirn, H. (2024):Mütterlichkeit braucht kein Geschlecht. Fürsorge als gesamtgesellschaftliche Herausforderung, Göttingen: Psychosozial-Verlag.

Statistisches Bundesamt (2024): Zeitbudgetstudie 2024: Unbezahlte Arbeit in Deutschland (verfügbar unter: https://www.destatis.de, abgerufen am 08.05.2026).

Brocker, Felix und Huemer, Sarah: „Neue WZB-Studie zu Generationen: Was machen Eltern heute anders? Generationen im Vergleich: Der Trend geht zur intensiven Elternschaft“, in FAZ v. 05.04.2026 (verfügbar unter: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/neue-wzb-studie-zu-generationen-was-machen-eltern-heute-anders-accg-200698246.html, abgerufen am 08.05.2026).

Über den Autor

Helga Krüger-Kirn

Prof. Dr. phil. Dipl. Psych. Helga Krüger-Kirn ist Honorarprofessorin an der Universität in Marburg, Psychoanalytikerin (Dozentin, DGPT) für Kinder, Jugendliche und Erwachsene; Forschungsschwerpunkte: weibliche Identitätsentwicklung, Mutterbilder und Feminismus.

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