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Vergessen wir nicht die Psychotherapie?

- 11. Mai 2026
- Honorar
- Honorarkürzungen
- Psychotherapie
- Sparpolitik
Gegen die Kürzungsvorschläge und alles, was damit infolgedessen an negativen Auswirkungen für die ambulante Versorgung in unserer Gesellschaft einhergeht, ist aufzubegehren, mit Wut, Unnachgiebigkeit und stoischer Haltung: Laut sein, demonstrieren, Fakten klarstellen, Lügen entlarven und sich immer wieder für seinen Berufsstand und das, was ihn ausmacht, einzusetzen, so lautet das Gebot der Stunde!
Wichtig ist doch der soziale Zusammenhalt!
Nachdem bei mir die ersten Wogen der Wut und des schieren Unverständnisses über die drohenden Einschnitte in der Psychotherapie abgeebbt waren, ertappte ich mich in meinen Behandlungsgesprächen dabei, dass ich darüber nachdachte, was sich bereits seit Bekanntgabe der Kürzungen verändert hat und sich vielleicht noch verändern wird. Ich dachte ans Geld, mein Honorar als Psychotherapeut und die Tatsache, dass es doch sonst in anderen Berufen gefühlt meist nur Gehaltsanstiege gibt – ob konjunkturbedingt oder durch Streiks erkämpft. Die Errungenschaft des Mindestlohns kommt mir jetzt auch in den Sinn. Das ist doch auch etwas, dass unserer werteorientierten Gesellschaft zu verdanken ist und uns von anderen Gesellschaften unterscheidet und dafür steht, dass uns in unserem Land der soziale Zusammenhalt wichtig ist – und zwar in allen Gruppen mit allen Menschen. Wie kann es da nur zu solchen Einschnitten Kürzungsvorschlägen kommen, die vor allem die trifft, die die schwächste Lobby haben: Menschen in Heil- und Sozialberufen und ihre Patient*innen/Klient*innen? Dass genau dort gespart und wegrationalisiert wird, kenne ich als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut sehr gut. Ich habe noch eine etwas andere berufliche Sozialisation genossen, als diejenigen, die heute diese Laufbahn einschlagen, denn mit der Umsetzung der neuen Weiterbildung ist der frühere Ausbildungsweg zu diesem Beruf weggefallen und der neue leider weiterhin offen. (Zur Erinnerung: Die Finanzierung der Weiterbildung ist immer noch nicht geregelt!) Früher hat der Abschluss eines pädagogisch gearteten Studiums zur Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten befähigt. Nunmehr qualifiziert einzig das Psychotherapiestudium zum Beruf des Psychotherapeuten. Das ist ein großer Verlust für die KJPs, die jetzt nicht mehr unbedingt aus einem pädagogischen Beruf kommen und denen meist wichtige Praxiserfahrungen und notwendiges Wissen auf dem Gebiet fehlen. Das Ausmaß dieser grundlegenden Veränderung ist für die Versorgung noch gar nicht abschätzbar.
Was auch mit Blick auf die Sparpolitik beunruhigt
Mir wird bewusst, dass mit der finanziellen Abwertung psychotherapeutischer Leistungen sich etwas Bahn bricht, was nichts anderes ist als eine Entwertung unseres Berufstands. Und das bestürzt, denn schon immer gehörte der Beruf des Psychotherapeuten zu den medizinischen Berufsgruppen, deren Vergütung, insbesondere im ambulanten Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), ganz unten auf der Honorarskala zu verorten war. Erinnern wir uns: Bereits 1994 kämpften Psychotherapeut*innen – und schon damals auch unser Verband – für eine bessere Vergütung, weil diese als sehr niedrig und ihre Einkommenssituation als unverhältnismäßig schlecht zu bezeichnen war. Jetzt ist das erneut vonnöten. Dabei handelt es sich beim Beruf des Psychotherapeuten, um einen Beruf, der eine Approbation (staatliche Prüfung) erfordert, für den eine Pflichtmitgliedschaft in einer Kammer besteht und der entsprechend auch „angemessen“ vergütet werden muss.
Die Bedeutung von Psychotherapie wird nicht ernstgenommen
Wenn ich so darüber nachdenke, wie wichtig vor allem die therapeutische Arbeit mit psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen nach Corona und in der derzeit von Krisen belasteten Welt ist – Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft –, fühle ich, dass angesichts der Sparpolitik etwas dran sein muss, dass die Bedeutung der Psychotherapie nicht ganz ernstgenommen wird. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten wird ja beispielsweise vorgeworfen, dass in den Sitzungen „nur gespielt“ wird. Dabei ist Spielen leben, erfahren und ausprobieren von neuen Möglichkeiten, Verhaltensmustern usw. Es ist also wie das Gespräch bei der Therapie von Erwachsenen einfach eine Intervention und – metaphorisch gesehen – nichts anderes als eine Art Medikament. Über verschiedene Techniken, Methoden verschiedener Schulen versuchen Psychotherapeut*innen, in der gemeinsamen Arbeit mit Patient*innen ihr Denken und Verhalten zu verändern. Dass dies funktioniert, ist wissenschaftlich belegt, allein die Umsetzung ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Es ist eben nicht damit getan, zu sagen: „Es wird schon alles wieder gut, Sie schaffen das.“ Nein, es ist zu mentalisieren (so heißt es in meinen Fachrichtungen), kognitiv umzustrukturieren (so heißt es in einer anderen Fachrichtung), paradox zu intervenieren (heißt es wieder in einer anderen der anerkannten Fachrichtungen) usw., um jene Barrieren der psychischen Abwehr zu Fall zu bringen, die bisher einen Gesundungsprozess verhindert haben und diesen dann in Gang bringen. Für Kinder und Jugendliche bedeutet dies: für und in sich sowie sozial wieder Halt zu finden, und zwar in einer Gesellschaft, die immer schwieriger zu verstehen und auszuhalten ist. Um diese Prozesse verantwortungsvoll zu begleiten, benötigt es Profis. Das sind Psychotherapeut*innen: Sie haben sich bis zur Approbation in einem langen Studium über schlecht bezahlte und kostenintensive Aus- oder Weiterbildungen die nötige Fachkunde und während langer Praxiszeiten (etwa in einer Klinik) die nötige Berufserfahrung angeeignet – eine Ausbildung, die im Bereich der Kassenleistungen im deutschen Gesundheitssystem einzigartig erscheint.
Beispiel Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut – welche Fälle wir ambulant behandeln
Uns wird immer suggeriert, wir behandelten die falschen Fälle. Dabei sind es Jugendliche mit Suizidvorstellungen, Zwängen oder hemmenden Ängsten, die wir versuchen, über kurz oder lang zu stabilisieren, Kinder mit Aggressions- und Regulationsproblemen, mit Hyperaktivität, die nicht mehr beschulbar sind und drohen aus dem System zu fallen, weil sie es sprengen. Viele von ihnen waren schon in Psychiatrien und wurden „langfristig“ an ambulante Kolleg*innen verwiesen. Manche von ihnen müssen wieder zurück. Es gibt Rückfälle, Besserungen, Krisen und vieles mehr, was im Gesamtsystem hin- und herläuft zwischen Psychiater*innen, Kliniken und Psychotherapeut*innen. KJPs arbeiten nicht im luftleeren Raum, sondern agieren im Gesundheitssystem in einem Netzwerk gemeinsam mit Kolleg*innen. Dazu gehören auch das Jugendamt, Schulen, Wohneinrichtungen und weitere Hilfeanlaufstellen, zu denen man als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Kontakt halten muss.
Ist es Wut über eine Honorarkürzung, mangelnde Wertschätzung oder mehr?
Es geht um die Zukunft der Psychotherapie und soziale Gerechtigkeit:Grundlegend habe ich diesen Beruf erlernt, um etwas Sinnvolles zu machen, um insbesondere Kindern und Jugendlichen zu helfen, aus ihren psychischen Erkrankungen herauszukommen und wieder in unsere Solidargesellschaft integriert zu werden. Und wenn das nicht möglich ist, so sollten sie sich zumindest in unserer Gesellschaft anerkannt und wertgeschätzt fühlen. Das heißt für mich Inklusion, – der Einbezug aller, egal wie gut oder weniger gut ein Mensch funktioniert. (Was bedeutet überhaupt „funktionieren“ oder „normal sein“?) Und am Ende frage ich mich auch: Wo ist die Wertschätzung für meine, unsere Arbeit geblieben? Ich bin sicher nicht allein mit der Erinnerung daran, dass es zu Corona-Zeiten noch Applaus für die Arbeit von Menschen aus dem sozialen, Pflege- und Gesundheitsbereich gab. Auch ich hatte damals stets ein Schreiben dabei, das mich als „systemrelevant“ auswies, weil ich in die Klinik fahren musste. Frage: Wo ist jetzt diese Systemrelevanz, um meine Profession zu unterstützen?
Es geht um die Zukunft des Gesundheitssystems und der Versorgung im Land
Es wäre noch viel über die Bedeutung unseres Berufsstandes zu sagen, doch am Ende ist hervorzuheben, dass es ja um das ganze Gesundheitssystem geht, das kaputtgespart wird, weil die Regierung glaubt, so die Finanzen der GKV in den Griff zu bekommen. Hier sei mahnend an den Soziologen Paul Bourdieu erinnert, der in seinem Hauptwerk „Die feinen Unterschiede“ von 1979 (!) nachweist, dass in Zeiten der Krise und knapper Ressourcen immer als Erstes beim sozialen Kapital eingespart und damit soziale Ungleichheit nur noch vergrößert wird. Ein Paradox.
Ehrlich gesagt, bin ich wenig zuversichtlich, dass die aktuelle Gesundheitspolitik es mit ihrem Kürzungspaket schafft, ihrer Verantwortung nachzukommen und die Versorgung im Land zu sichern. Es bleibt also wichtig, laut zu bleiben und sich angemessen in unserem System dafür einzusetzen, um gegen die Ungerechtigkeit der Abwertung psychotherapeutischer und sozialer Arbeit sowie gegen die Benachteiligung sozial Schwacher zu kämpfen, auch für den psychotherapeutischen Nachwuchs, mit dem wir zusammen im Streit um den Erhalt unserer Profession lautstark für die berufliche Zukunft einstehen.
Deshalb noch einmal: Psychotherapie ist ein Grundpfeiler der ambulanten und stationären medizinischen Versorgung. Diese Behandlung von Menschen mit ernsthaften psychischen Krankheiten, die dadurch belastet und beeinträchtigt sind, ist von zentraler Bedeutung
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