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Newsarchiv

15.09.2021

Kinder brauchen mehr / Jugend braucht mehr

Es ist jetzt ein halbes Jahr her, dass ein breites Bündnis von Verbänden ein Maßnahmenpaket für Kinder und Jugendliche von der Politik gefordert hat.
Inzwischen ist unbestritten in Medien und Politik, was auch eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien belegt: Dass die Corona-Pandemie und die zu Ihrer Bekämpfung ergriffenen Maßnahmen gerade Kinder und Jugendliche in besonderem Maße belastet haben. Die Einschränkungen der letzten 18 Monate haben viele Familien an ihre Grenzen gebracht. Unsere 5 Kernforderungen, die wir in der gemeinsamen Online-Diskussionsveranstaltung von insgesamt 28 Berufsverbänden vorstellten, lauteten daher damals:

  • Gründung eines Jugend-/Kinderrats analog dem Ethikrat
  • Einrichtung einer zentralen, deutschlandweit beworbenen Hilfsnummer für Kinder und Jugendliche in Not
    Umsonst, für alle und draußen: tägliche Sport-, Bewegungs- und kulturelle Aktivitäten an öffentlich zugänglichen Orten
  • Niederschwellige und längerfristig angelegte Kurs- und Projektangebote für Kinder und Jugendliche außerhalb des Schulunterrichts
  • Initiative zur Anwerbung von Honorarkräften unter soloselbstständigen Kunstschaffenden und beschäftigungslos gewordenen Personen aus dem Kultur- und Sportbereich zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen.

Obgleich unsere Veranstaltung seinerzeit in Fachkreisen und in der Presse auf großes Interesse gestoßen war, war doch die Resonanz von Seiten der Politik – so deutlich muss man es leider sagen – nahezu Null. Politiker*innen aller angefragten Ministerien waren „verhindert“, niemand wollte sich den Fragen auf dem Podium und der Fachdiskussion stellen.

Aber wir lassen uns nicht so leicht entmutigen, bereiten inzwischen die zweite Veranstaltung am 09.11.2021 vor – auch dieses Mal wieder ohne Repräsentant*innen der politischen Interessensvertretungen auf dem Podium, denn es ist davon auszugehen, dass die zukünftigen Abgeordneten des Deutschen Bundestags zum Zeitpunkt unserer Veranstaltung mit sich selbst und ihren konstituierenden Sitzungen beschäftigt sein werden und damit, einen Koalitionsvertrag auszuhandeln. Das hält uns aber nicht davon ab, noch einmal in den Ministerien nachzufragen, was denn aus unseren Forderungen geworden ist und wie man gedenkt, den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden. Auch die Ergebnisse dieser Anfrage werden wir am 09.11. vorstellen.

Doch in einer dritten Veranstaltung sollen Sie uns dann möglichst selbst darstellen, was sie bereits auf den Weg gebracht haben und was sie – im Rahmen der neuen Regierung – für die psychische und körperliche Gesundheit der Kinder- und Jugendlichen zu tun gedenken. Diese Veranstaltung wird dann 2022 punktgenau ein Jahr nach der ersten Veranstaltung stattfinden – erneut am 24. März.

Kinder und Jugendliche brauchen unser Engagement und unsere Fürsprache. Zudem stellt sich ihre Situation zum Beispiel im Speckgürtel Münchens weitaus besser dar als in den ländlichen Gebieten Ostdeutschlands. Unser Land ist bei der Versorgung der Kinder und Jugendlichen ein Flickenteppich, dies liegt zum einen am unterschiedlichen Finanzvolumen der Kommunen, zum anderen an der Uneinheitlichkeit der Finanzierungs- und Zuständigkeitsbereiche.

Schwierig sind diese auch im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie . Doch davon können auch alle Kinderärzt*innen, Kinder- und Jugendpsychiater*innenn, Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen oder Erzieher*innen ein Lied singen. Was im Kleinen nicht gut funktioniert, das Ineinandergreifen von verschiedenen Sozialgesetzbüchern wie dem SGB V und dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, (ganz zu schweigen von weiteren Sozialgesetzbüchern wie dem SGB XII), funktioniert auch im Großen nicht. Leerstellen zwischen den Zuständigkeiten der Gesetzbücher finden sich zum Beispiel auch, wenn es um den Wechsel von ambulanten zu stationären Angeboten geht oder bei Finanzierungen und Kooperationen im Jugendhilfebereich. Hier kommen teilweise Gelder vom Bund, die jedoch an Finanzierungen aus den Kommunen geknüpft sind. Oft weiß die rechte Hand nicht, was die linke tut. Leider werden auch nicht bundesweitbest practice Beispiele, wie es gut funktionieren könnte, gesammelt und veröffentlicht. Würde man es versuchen, scheiterte man auch dabei voraussichtlich an der regionalen Unterschiedlichkeit der Kostenträger und Zuständigkeiten und Konzepte.

Alle diese Probleme haben massive Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Kindheit und Jugend finden in einem Zeifenster statt, in dem Entwicklungen in einem Tempo stattfinden, das sich nie wieder im späteren Leben zeigen wird. Wenn es einem 12-jährigen Kind ein halbes Jahr lang nicht mehr möglich ist, seinen/ihren Alltag zu leben, hat dies in der Regel viel länger nachwirkende Konsequenzen als wenn dies beispielsweise einem 45-jährigen Menschen geschehen würde. Denn für das Kind bringt es häufig den Abbruch von Freundschaften mit sich, deren Fortbestand aber für die Entwicklung des Kindes eine wichtige Rolle spielen würde. Anders als bei Erwachsenen sind diese aber nicht über Jahre oder Jahrzehnte gewachsen und haben sich entsprechend gefestigt. Mit hohem Risiko ist mit diesem halbjährigen Eingriff auch verbunden, dass die Klasse wiederholt werden muss, was möglicherweise den endgültigen Verlust von stabilisierenden Freundschaften mit sich bringt. Mittel- und langfristig wird dies nicht nur emotionale, soziale und psychische Folgen haben, sondern sich gegebenenfalls sogar lebenslang auf das spätere Berufsleben des Kindes negativ auswirken. Eine einzige Impulshandlung, die – und sei es es nur für eine Nacht – zur Einweisung in ein Psychiatrisches Krankenhaus führt – kann in diesem Land noch immer lebenslang Berufsträume zunichtemachen oder auch „nur“ den Zugang in unser privates Versicherungssystem versperren.

Wir als bvvp wollen dazu einen Beitrag leisten, diesen vielen Missständen etwas entgegenzusetzen. Deswegen sollen und werden bei der Veranstaltung am 09.11. Kinder und Jugendliche auch selbst zu Wort kommen.
Lassen Sie sich überraschen von unseren kreativen Ideen, von interessanten Fachvorträgen und einer hoffentlich engagierten Diskussion auf unserem Podium.

Die Anzahl der Live-Plätze in Berlin ist begrenzt, die Anzahl der digital Teilnehmenden hingegen nicht. Die Anmeldung zur Veranstaltung finden Sie hier:

https://eveeno.com/kinderbrauchenmehr

Wir hoffen, mit vereinten Kräften unseren Forderungen für Kinder und Jugendliche eine Stimme zu verleihen, die gehört werden muss. Und wir geben lange noch nicht auf.


20.07.2021

Vier Jahre wie diese … nicht nochmal!

Am 26. September finden die Wahlen zum Deutschen Bundestag statt. Wie jedes Mal vor den Wahlen hat der bvvp den demokratischen Parteien Wahlprüfsteine zugeschickt mit Fragen zu wichtigen Themen rund um die psychotherapeutische Versorgung der Patientinnen und Patienten. Die Zusammenfassung der Antworten sowie eine politische Bewertung werden Sie Anfang September in Heft 3 unseres Magazins PPP finden, zusammen mit einer kleinen Broschüre, in der der bvvp seine Forderungen an die Politik für die nächsten 4 Jahre formuliert hat.

Wir schauen auf eine Legislaturperiode zurück, die wir alle, und so deutlich kann man das formulieren, so nicht noch einmal erleben möchten! Unser Gesundheitsminister Jens Spahn hat mit einer wahren Gesetzesflut das gesamte Gesundheitssystem vor sich hergetrieben. Eine gründliche Beschäftigung mit den Themen war nicht mehr möglich, genauso wenig wie eigenes proaktives Handeln, weil diese Hyperaktivität von uns im bvvp wie von allen anderen Fachleuten in Sachen Psychotherapie einen Dauermodus des Reagierens erzwang – den unablässigen Versuch, doch noch im letzten Moment allergrößten Schaden abzuwenden. Jedes noch so sachfremde Gesetz musste im Detail geprüft werden, ob es nicht an irgendeiner Stelle als Omnibus benutzt worden war, um Eingriffe in die ambulante Psychotherapie vorzunehmen, ohne dass zuvor Rücksprache mit der Profession gehalten worden war.

Man erinnere sich an die beiden Glanzstücke des Ministers: Die Idee der Einschaltung eines Vorgutachters, die die mit über 220.000 Unterschriften bis dato größte Bundestagspetition, die es je gab, zur Folge hatte. Es war ein großer Erfolg der Profession, dass diesem Vorhaben eine so klare Absage erteilt wurde. Und dann folgte im letzten Gesetzeswerk der Legislaturperiode, dem GVWG, ein ebenso dreister Angriff. Mit diesem Sammelsurium unterschiedlichster Gesetzesänderungen zur vermeintlichen Verbesserung der Gesundheitsversorgung, wurde der Versuch unternommen, die „Rasterpsychotherapie“ einzuführen. Das Positive: Die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben einmal mehr bewiesen, dass sie innerhalb kürzester Zeit deutlichen Widerstand organisieren können, der auch in diesem Fall Wirkung gezeigt hat.

Was wünschen wir uns? Wir wünschen uns Gesetzesvorhaben, die mit Bedacht auf den Weg gebracht werden, bei deren Erarbeitung Zeit gegeben wird für eine umfangreiche und gründliche Debatte unter Einbezug derjenigen, die es betrifft und die sich in der Materie auskennen. Wir wünschen uns eine Abkehr von einer auf Profit ausgerichteten und vornehmlich die Wirtschaft unterstützenden Gesundheitspolitik. Wir wünschen uns Wertschätzung für die psychotherapeutische Behandlung und Verständnis dafür, dass psychische Prozesse und damit auch Psychotherapien ausreichend Zeit benötigen und nicht den industriellen Gesetzen der fortwährenden Beschleunigung und Effizienzsteigerung gehorchen. Jede Psychotherapie ist ein Unikat und kein Fließbandprodukt. Und wir wünschen uns die Wahrnehmung der Tatsache, dass jeder in eine Psychotherapie investierte Euro sich auszahlt, denn Psychotherapie wirkt!


11.06.2021

Keine Raster-Psychotherapie – Plädoyer wider die Reparaturmechanik im politischen Denken

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

manchmal kann einem schon der Kragen platzen angesichts unserer Gesundheitspolitik und der zugehörigen BMG-Administration. Eine Rasterung der Psychotherapie nach festen Stunden-Vorgaben für bestimmte Diagnoseziffern, das kann sich nur ein politischer Kopf ausdenken, aber gewiss kein Psychotherapeut, der seinen Beruf versteht.

Da kommt wieder kurz vor knapp im Mai eine Regelung im Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG), die wir in anderem Gewand vor dreieinhalb Jahren im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) schon einmal massiv bekämpft haben. Ich möchte nur an die von uns initiierte und bis dahin größte Bundestagspetition aller Zeiten erinnern, die Herrn Spahn damals durchaus überrascht hat.

Meint man in der Politik tatsächlich, wir hätten kein Gedächtnis? Denkt man vielleicht, wir wären kurz vor Ende der Legislaturperiode nicht mehr aufmerksam? Glaubt man wirklich, dass man auf „leisen Sohlen“ etwas durchsetzen kann, was dem Wesen der Psychotherapie völlig widerspricht?

Eine Psychotherapie, die den Menschen, wenn er psychisch erkrankt ist, im Zentrum hat, muss diesem die Möglichkeit einräumen, sowohl seinen Therapeuten, seine Therapeutin selbst zu suchen, als auch das Gefühl der Passung selbst in der eigenen Seele wahrzunehmen. Wie kann man annehmen, dass man Passung von oben über den G-BA verordnen könne? Wie kann sich die Politik anmaßen, psychisch kranken Menschen vorzuschreiben, wie lang sie krank sein dürfen oder wie schnell sie sich durch eine Störung hindurchgearbeitet haben sollen? So kann man vielleicht ein Auto reparieren, aber keine menschliche Seele. Es ist erstaunlich, welch merkwürdige Reparaturmechanik in den Köpfen wichtiger Gesundheitspolitiker offensichtlich das Denken bestimmt.

Wir haben uns also auch diesmal als bvvp mit Vehemenz dafür eingesetzt, dass ein derartig unsinniger Vorschlag in der Versenkung verschwindet. Mithilfe verschiedener politischer Kräfte aus der Bundestagskoalition sowie aus dem Oppositionsspektrum konnten wir tatsächlich erreichen, dass zumindest noch einmal ausführlich über diese Regelung nachgedacht wird. Ob sie tatsächlich endgültig in der politischen Versenkung verschwinden wird, werden wir sehen. Denn Überraschungs-Gesetze oder Ad-hoc-Änderungsanträge, die selbst die Bundestagsabgeordneten der eigenen Fraktion verblüffen, sind ja inzwischen hoffähig geworden.

Es ist wichtig, dass jeder Mensch – wenn er sich denn selbst als krank erlebt, an sich und seinem Leben leidet und keine Lebensfreude mehr empfinden kann – ausreichend Zeit findet, bei sich selbst, in der eigenen Biografie, in den eigenen Lebens- und Verhaltensmustern nachzuforschen, in sich hineinzuspüren und schrittweise zu ändern, was ihm selbst im Wege steht.

Und noch ein fundamentaler Grundsatz sollte in der Politik verstanden werden. Wir behandeln keine Erkrankungen, sondern Menschen mit Erkrankungen – ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied. Behandlung „ausschließlich “ von Erkrankungen kennen wir leider aus der somatischen Medizin der Vergangenheit. Damals hieß es gelegentlich im Krankenhaus „die Niere aus Zimmer 15 hat eine Blutung“, „der Herzinfarkt auf Zimmer 3 ist gerade verstorben“ oder „die Schizophrenie von Station 9 taucht gerade wieder einmal in den Wahn ab“. Das sind sicher holzschnittartige Negativbeispiele – erfreulicherweise hat sich hier auch in der somatischen Medizin viel getan –, aber sie verdeutlichen Entscheidendes:

Diese Reduktion eines kranken Menschen auf seine Symptome, seine Organe und seine Erkrankung ist zutiefst unmenschlich und der Genesung des Menschen nicht förderlich.

Da hilft es auch wenig, wenn man gebetsmühlenartig wiederholt, man wolle die sprechende Medizin stärken. Wer ein derartig technizistisches Krankheitsverständnis hat, geht fehl. Die Medizin – und besonders die Psychotherapie – ist kein Reparaturbetrieb, der Menschen nach dem Willen eines übergeordneten Auftraggebers wiederherstellt. Dass der Mensch gemäß den Prinzipien und Bedürfnissen der Wirtschaft zu funktionieren hat, haben schon große Philosophen im vorletzten Jahrhundert als Hauptproblem des Kapitalismus charakterisiert. Und es dürfte auch im Spätkapitalismus noch zutreffen, darf aber nicht der heutige Maßstab für eine humane Psychotherapie sein.

Insofern ist die Erkenntnis vielleicht nicht wirklich neu, aber wesentlich: Dass es um den individuellen Menschen in seiner persönlichen Not und Erkrankung geht, wenn wir Psychotherapeuten eine angemessene, sinnvolle und natürlich auch wirtschaftlich-zweckmäßige Psychotherapie planen und durchführen. Die muss dann, wenn sie individuell angepasst ist, in der Dauer differieren können, selbst wenn bei unterschiedlichen Patienten und Patientinnen dieselbe Diagnosekategorie zur Anwendung kommt. Insofern braucht Heilung Spielraum.

Aber Gott sei Dank geben die Zahlen der kassenärztlichen Bundesvereinigung den Blick frei auf das Behandlungsgeschehen in der Psychotherapie in der Bundesrepublik. Allen Beschwörern von Fehlallokation oder „Kaffeekränzchen“ in der Psychotherapie zum Trotz beenden Menschen mit psychischen Problemen ihre Behandlungen selbstständig und zwar sobald ihr Leidensdruck abgeklungen ist. Psychisch kranke Menschen brauchen keine politische Gouvernante, die ihnen sagt, wann sie geheilt zu sein haben.

Wie viel Misstrauen in die kranken Menschen und deren Psychotherapeuten muss man als parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit und Mitglied des Deutschen Bundestages haben, wenn man einer Kollegin aus dem Bundestag auf deren Anfrage zur geplanten Rasterpsychotherapie antwortet:

„Vor dem Hintergrund, dass nach eigenem Bekunden der G-BA voraussichtlich im August 2021 seine Richtlinie für eine berufsgruppenübergreifende, koordinierte und strukturierte Versorgung insbesondere für schwer-psychisch kranke Versicherte mit einem komplexem psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungsbedarf (Paragraf 92 Absatz 6B Fünftes Buch Sozialgesetzbuch-SGB V) beschließen wird, erscheint es aus Sicht des Bundesministeriums für Gesundheit zeitlich und fachlich sinnvoll, dass im G-BA nahtlos über eine etwaig erforderliche Anpassung und Weiterentwicklung auch der Psychotherapie-Richtlinie weiter beraten werden kann.“

Die in diesem Zitat dargestellte Komplexrichtlinie unterstützen wir als Berufsverband, der an einer qualitativ guten Versorgung höchst interessiert ist, ausdrücklich. Wir haben von Seiten des bvvp intensiv daran mitgearbeitet, eine ausführliche Stellungnahme dazu erarbeitet und in der Anhörung am 4.05.2021 unsere Auffassungen dazu vertreten. Aber diese Richtlinie ist noch nicht fertig und vieles daran ist auch noch nicht wirklich ausgegoren. Die unterschiedlichen Vorstellungen und Widersprüche zwischen Vertretern der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und natürlich der Politik gehen noch immer auseinander.

Es braucht noch Einiges, bis diese Richtlinie tatsächlich in die Versorgung implementiert werden kann und dort dann auch wirken kann. Bis wirklich schwer psychisch-gestörte Menschen beispielsweise mit chronischer Hospitalisierung nach einer Schizophrenie, oder neurologischen Grunderkrankungen (Schädelhirntrauma, Demenz, Parkinson) und psychischen Folgeerkrankungen oder Mehrfachdiagnosen wie Apoplex und Depression nach der neuen Richtlinie sinnvoll und adäquat behandelt werden können, wird Zeit benötigt. Jetzt schon unter Fristsetzung zum 31.12.2022 darüber nachzudenken, wie man dann weiter hineinreguliert in die Behandlung der Menschen und in andere Regelungswerke aus dem Bereich Psychotherapie, ist verfrüht. Es zeugt von hohem politischem Ehrgeiz, aber von wenig Verständnis von der Sache.

Regelrecht demaskierend ist aber der folgende Satz, ebenfalls aus der Antwort des Bundesgesundheitsministeriums an besagte Abgeordnete:
„Ziel – sowohl der Versorgung nach Paragraf 92 Absatz 6A als auch nach Absatz 6B SGB V – ist, eine an dem jeweiligen Bedarf für die Behandlung einer Erkrankung orientierte, zielgenaue, Zeit und bedarfsgerechte und insoweit passgenaue Versorgung zu etablieren.“

Hier geht es also zunächst einmal um die Erkrankung und nicht um den Menschen (siehe oben). Dann meint der Verfasser, möglichst viele Begrifflichkeiten und Adjektivhäufungen zu benötigen, um der ambulanten Psychotherapie Handschellen anzulegen – verbrämt als passgenaue Versorgung.

Obwohl in dem zitierten Satz viele wichtige Begriffe vorkommen, ist die Aneinanderreihung in ihrer Dichte verräterisch. Wenn man so viel regulieren muss, hat man überhaupt kein Vertrauen zu den Betroffenen. Und genau das ist so kritikwürdig an diesem politischen Vorgehen. Es fehlt an Augenmaß und an Vertrauen in die Menschen, die leiden, und in jene, die sie behandeln. Handschellen allein reichen offensichtlich nicht mehr. Man muss auch noch eine Fesselung an den Beinen vornehmen.

Man bezichtigt die psychisch Kranken, sie wollten eigentlich gar nicht gesund werden, sondern lieber irgendwie gemütlich beim Therapeuten herumsitzen. Wer von den Entscheidungsträgern immer nur auf der Erfolgs- und Überholspur gelebt hat, kann sich vermutlich wirklich schwer in Menschen mit anderen Biografien hineindenken. Doch eine Gesellschaft, die dem Gehirn, Verstand und der psychischen Anpassungsfähigkeit der arbeitenden Menschen immer mehr abverlangt, muss damit rechnen, dass psychische Probleme zunehmen, weil die Menschen irgendwann in ihrem psychischen Apparat überfordert sind. Vielleicht steckt ja das hinter dem zunehmenden Bedarf nach Psychotherapie und nicht, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen sich in der Psychotherapie irgendwie betüteln lassen wollen, wie noch immer manche unterstellen.


10.05.2021

Gängige Praxis: rechtswidrige Bezahlung des psychotherapeutischen Nachwuchs

Im Februar 2021 führte der bvvp seine erste große Umfrage unter Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA) durch. Ziel war es, herauszufinden, inwiefern die neuen gesetzlichen Regelungen zur Vergütung der Praktischen Tätigkeit (PT) und der ambulanten Stunden umgesetzt werden. Das Fazit lautet: unzureichend.

Angesichts des abgeschlossenen Hochschulstudiums der PiA können die gesetzlich vorgeschriebenen 1.000 Euro Vergütung während der PT nur als hohle Geste gewertet werden: selbst bei einer 26-Stunden-Woche liegt die Regelung unter dem Mindestlohn. Dabei war es gerade die Forderung nach einer angemessenen Bezahlung in den Kliniken, weshalb viele PiA sich an den jahrelangen Protesten beteiligt haben. Dass eben dieses Anliegen mit der 1.000-Euro-Regelung nur unzureichend berücksichtigt wurde, ist bedauerlich. Geradezu beschämend ist es, dass ein Drittel der Teilnehmenden unserer Umfrage angab, nicht einmal die gesetzlich vorgeschriebenen 1.000 Euro in der PT zu erhalten.

Ebenso schleppend scheint sich die Umsetzung der Vorgaben zur Vergütung der ambulanten Stunden zu gestalten: Laut Gesetz sollen mindestens 40 Prozent der Ambulanzhonorare an die PiA ausbezahlt werden. Das entspricht aktuell 41,03 Euro je Einzelsitzung (EBM 1-2021). Aber nur etwas mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Ausbildungskandidat*innen erhält diese Vergütung tatsächlich auch.

Die Arbeitsleistung von PiA muss gemäß geltendem Recht vergütet werden. Dass viele PiA trotz eindeutiger Rechtslage immer noch nicht angemessen bezahlt werden, wirft eine grundlegende Frage in den Raum: Warum sind viele Ausbildungskandidat*innen immer noch bereit, unter schlechten (nun sogar rechtwidrigen) Bedingungen zu arbeiten? Die Antwort auf diese Frage fällt wahrscheinlich je nach Perspektive sehr unterschiedlich aus: Idealismus, fehlende Konfliktbereitschaft, Naivität oder ein systematisches Abhängigkeitsverhältnis. Unsere Umfrage zeigt jedenfalls auch, dass PiA gerade in Großstädten wie Hamburg oder Berlin immer noch monatelang nach einer PT-Stelle suchen müssen. Dass diese Verhältnisse mögliche Verhandlungspositionen massiv schwächen, sollte klar sein.
Honorargerechtigkeit ist aber kein Privileg der Niedergelassenen.

Es ist zu erwarten, dass noch viele hunderte (vielleicht sogar tausende) PiA die Übergangsregelung bis 2032 nutzen und die Ausbildung nach dem alten Modell absolvieren werden. Bereits jetzt werden Konflikte zwischen verschiedenen Interessengruppen innerhalb der Behandelnden zunehmend bissig ausgetragen. Eine verhärtete Front in unseren eigenen Reihen können wir uns nicht leisten. Wenn sich eine ganze Generation unseres Nachwuchses im Stich gelassen fühlt, schadet das dem Berufsstand insgesamt. Deshalb dürfen wir nicht tatenlos zusehen, wenn zahlreiche PiA ihr Recht auf ein Existenzminimum vor Gericht einklagen müssen.

Eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse unserer Umfrage finden Sie ab Juni in unserem Mitglieder-Magazin PPP 02/2021.


30.04.2021

Psychotherapie für alle(s)?

Auf dem Deutschen Psychotherapeutentag wurde eine Resolution verabschiedet, die aufgrund des gestiegenen Bedarfs an Psychotherapie vorübergehend zusätzliche Kapazitäten fordert, in Form von unbürokratischer Kostenerstattung oder zeitlich befristeten Ermächtigungen. Die Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen macht psychisch krank, die Leidtragenden sind insbesondere die Kinder und Jugendlichen. Ein weiteres wichtiges Thema auf dem DPT war der Klimawandel, und auch in diesem Zusammenhang wurde auf die psychischen Folgen hingewiesen, die eine Behandlungsnotwendigkeit mit sich bringen können. Benedikt Waldherr, unser Bundesvorsitzender, wies in seinem Redebeitrag darauf hin, dass besondere Patient*innengruppen, wie Straftäter, an Schizophrenie Erkrankte oder Menschen mit Mehrfachbehinderungen immer noch große Schwierigkeiten hätten, einen Therapieplatz zu finden und dass man mehr aus der Versorgung heraus denken solle.

Und schließlich liegt auch bei unseren bisherigen Therapiepatient*innen eine Behandlungsnotwendigkeit vor.

Und wir wissen es, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter und Armut macht bekanntlich auch krank: die vielerorts unsicheren Arbeitsplätze und mit viel Druck verbundenen Arbeitsbedingungen, der krankmachende Konsum von digitalen Medien, die schwierigen Wirtschaftsbedingungen, die womöglich in eine große Wirtschaftskrise münden …

Alles liegt am Boden, nur die Psychotherapie boomt??

Die Fehler der Politik füllen unsere Wartezimmer!

Psychotherapie kann nicht dazu dienen, die Reparaturwerkstatt für alle gesellschaftlichen Probleme zu sein. Der Bedarf, der damit geschaffen wird, kann vom System der solidarischen Krankenversicherung niemals gedeckt werden. Schon jetzt ist klar, dass die Kassen in Geldnöte kommen werden. Ursache ist nicht nur die Pandemie, die durch aktuell hohe Kosten und langanhaltende wirtschaftliche Probleme die Beitragseinzahlungen mindern wird, sondern auch die extrem teure Gesundheitsgesetzgebung unseres hyperaktiven Gesundheitsministers Spahn.

Die Politik ist gefordert, sich um niederschwellige Beratungs- und Versorgungsangebote zu kümmern. Die Beratungsstellen müssen gestärkt werden, genauso wie Schulsozialarbeit und schulpsychologische Angebote. Wichtig sind überdies eine ausreichende Anzahl an Betten und ein guter Personalschlüssel in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken. Und nicht zuletzt muss dafür gesorgt werden, dass es genug Nachwuchs bei den Psychiater*innen gibt, denn nicht alle psychiatrische Patient*innen gehören in psychotherapeutische Praxen.

Aber genauso sind Psychotherapeut*innen aufgefordert, sich nicht nur im Therapieraum zu engagieren, sondern auch außerhalb: auf gesellschaftliche Probleme hinzuweisen, sich in den Medien zu äußern, Änderungen von der Politik zu fordern. Sie sind aufgefordert, politischer zu werden und sich auch ein Stück weit der Rolle als Reparaturbetrieb zu verweigern. Es ist ja erst der Anfang zu sehen, und man kann nur ahnen, was da noch alles auf die psychotherapeutischen Praxen zukommen wird in den kommenden Jahrzehnten. Der Bedarf durch die gesellschaftlichen Entwicklungen wird weiter zunehmen, was die Psychotherapeut*innen auch werden ausbaden müssen. Der geschützte therapeutische Raum ist nur ein winziges Inselchen, und das Wasser steigt!


22.02.2021

In welcher Welt wollen wir leben?

Wie wollen wir arbeiten, lernen, lehren und uns als Psychotherapeut*innen mit den Corona-Bedingungen in unsere Arbeitswelt einbringen?

Eine Reflexion von Jonas P.W. Göbel, Vorstandsbeauftragter des bvvp

Wifried Bion, einem der frühen Psychoanalytiker, wird sinngemäß die Aussage zugeschrieben, ein Psychotherapeut müsse, ähnlich wie ein Offizier, in der Lage sein „… unter Beschuss klar zu denken.“ – Das martialisch wirkende Bild ist vor dem Hintergrund von Bions Erfahrungen in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges zu verstehen, deren Bearbeitung später sein Werk geprägt haben.
Wir stehen heute weit weniger „unter Beschuss“ als Bion, aber einer vitalen Bedrohung stehen wir auch gegenüber. Damit können wir uns eingeladen fühlen, kreativ-kritisch-konstruktiv mit einer der basalen Realitäten der Psychotherapie umzugehen: Wahrnehmung, Erforschung und Re-Organisation des Denkens und Fühlens. Ein Maßstab sollte sein, dass Psychotherapeut*innen in einer so angstbesetzten Lage nicht Teil des Problems werden, sondern Angebote machen oder auch aufzeigen, wie mit Ängsten, Unsicherheiten und einer in Teilen veränderten Welt umgegangen werden kann.

Aber was bedeutet das für die jungen Psychotherapeut*innen?

Die Frage ist: Was sind jetzt die größten Probleme für die werdenden Psychotherapeut*innen? Psychotherapie ist ein Handwerk, eine Wissenschaft und eine Kunst – die fachlichen Informationen zu lesen, ist weniger die Herausforderung, als in den praktischen Teilen Erfahrung zu sammeln, begleitet Fehler machen zu dürfen und damit sich selbst in der Selbsterfahrung und die Patienten in den praktischen Teilen der Ausbildung, immer besser kennen- und verstehen zu lernen. Seit gut einem Dreivierteljahr suchen wir nach Möglichkeiten, unseren „Kontaktberuf“ auch unter der Bedingung auszuüben, dass die Kontaktbedingungen eingeschränkt sind, dabei die kommende Generation von Kolleginnen und Kollegen auf ihre Aufgabe vorzubereiten und auch noch eine gleichbleibend gute Versorgung zu gewährleisten. Für die Kolleginnen und Kollegen in den Aus- und bald der Weiterbildung fallen durch die Lockdowns viele der bisher bewährten Möglichkeiten weg, sich in ihre Aufgabe einzufinden. Und wir Lehrenden sind noch mehr als sonst darauf angewiesen, kreative Lösungen für die Begleitung in der praktischen Ausbildung zu finden. Unsicherheiten sind oft ein wesentlicher Teil der Ausbildung. Auf unterschiedlichen Ebenen erschweren knappe Ressourcen, nötige Orts- und Arbeitsplatzwechsel den beruflichen Alltag, doch je mehr Kraft in die Alltagsgestaltung investiert werden muss, umso weniger bleibt für die Entwicklungsprozesse übrig, die durchlaufen sein sollten, bis die Approbation erreicht ist.
Auch wenn es plausibel erscheint, dass man hinterher immer schlauer ist, bringt uns die Frage nach den Fehlern des ersten Lockdowns nur wenig weiter. – Wir wissen schlichtweg nicht, wie sich die Lage bei anderem Verhalten hätte entwickeln können. Offen ist auch die Frage, ob es richtig war, im ersten Lockdown so viele Institutionen / Kliniken in ihren Arbeitsweisen zu beschränken. Der weltweite Vergleich zeigt, dass in Deutschland sowohl im ersten, als auch im zweiten Lockdown sehr viele Schritte zielführend waren. Auch wenn es viele kritische Stimmen gibt und einzelne Vorgehensweisen sicher auch hätten optimiert werden können, lässt sich bei nüchterner Betrachtung schnell erkennen, dass wir alle „Auf Sicht“ fahren. Und es wird deutlich, dass unser Gesundheitssystem noch funktioniert und wir als Gesellschaft sogar in der Lage sind, die Folgen von irrationalem oder gar verantwortungslosen Umgang Einzelner mit der Corona-Lage zu verkraften.

Auf dieser Basis können wir die Chancen nutzen, die sich aus dieser Krise ergeben. Etwa, mit feineren Differenzierungen therapeutische On- und Offline-Angebote aufzubauen und zwischen ihnen für unsere Nutzungszwecke auszuwählen. Wir können durch Reiseaktivitäten verursachte Umweltbelastungen reduzieren und realisieren, dass viele Überzeugungen, die wir bisher über die Voraussetzungen gelingender Kommunikation, die Notwendigkeit von Reisen oder die Ausgestaltung unserer Arbeit hatten, neu bewertet werden müssen.


02.02.2021

Was kommt 2021?

Ein Ausblick von bvvp-Vorstandsmitglied Ulrike Böker

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

vieles aus dem Jahr 2020 wird uns auch im nächsten Jahr weiter begleiten.

Die von unserem bvvp-Vorsitzenden, Herrn Waldherr, in seinem Jahresrückblick benannten Themen stehen weiter im Zentrum: Die Pandemie wird uns auch im Jahr 2021 beschäftigen. So wird sich das erste Magazin PPP Psychotherapie in Politik und Praxis im neuen Jahr mit den psychischen Folgen dieser Krise beschäftigen.

Ferner wird die Richtlinie für Patient*innen mit komplexem Behandlungsbedarf nach dem Stellungnahmeverfahren verabschiedet werden. Viele inhaltliche Ausgestaltungen sind noch vollkommen offen, sodass sich im Moment keine Aussage dazu treffen lässt, was hier tatsächlich auf uns zukommen wird. Danach wird das Ganze im Bewertungsausschuss beraten, der die Vergütung für die dort enthaltenen neuen Leistungen festsetzen wird. Und im Anschluss geht es um die konkrete Umsetzung, was Informationsveranstaltungen und Unterstützungsangebote für die Kolleginnen und Kollegen umfassen wird, die sich diese neue Versorgungsform in ihren Praxen vorstellen können. Kammern, KVen und Verbände werden hierbei zusammenarbeiten.

Die Entwicklung des Instruments zur Qualitätssicherung ist ein Dauerthema, das uns viel Arbeit und leider auch viel Sorge bereitet. 2021 wird der Zwischenbericht zu den Qualitätsindikatoren zur Stellungnahme vorliegen. Außerdem wird sich zeigen, was aus dem Projekt des IQTiG zur Patient*innenbefragung geworden ist, von dessen Teilnahme der bvvp – wie viele andere Verbände auch – seinen Mitgliedern explizit abriet. Man muss hier sehr wachsam sein, und die Kooperation mit den anderen Verbänden ist unerlässlich!

Beim Deutschen Psychotherapeutentag Ende April 2021 muss dann die Musterweiterbildungsordnung verabschiedet werden. Die Zeit drängt, denn auf dieser Grundlage müssen die Landeskammern ihre verbindlichen Weiterbildungsordnungen konzipieren, die sich hoffentlich recht einheitlich gestalten. Diese gelten bereits für die ersten Absolvent*innen der Masterstudiengangs Psychotherapie. Eine Mammutarbeit liegt hier noch vor allen Beteiligten!

Und schließlich steht im neuen Jahr die Überprüfung unserer „angemessenen Vergütung“ an. Alle vier Jahre veröffentlicht das Statistische Bundesamt seine Daten zur Einkommenssituation ärztlicher und psychotherapeutischer Praxen, und diese Daten bilden dann die Grundlage für die Überprüfung. Schon jetzt beklagen die Kassen ihre schwierige finanzielle Situation. Die Gesetze unseres hyperaktiven Gesundheitsministers sind teuer, die Pandemie auch, und die Einnahmen sinken. Insofern steht jetzt schon fest, dass sämtliche Rechentricks zur Anwendung kommen werden, um Steigerungen unserer Honorare zu verhindern. Gebhard Hentschel, der DPtV-Vorsitzende, und ich sitzen als stellvertretende Mitglieder im Bewertungsausschuss in der ersten Reihe dabei.
Ich persönlich hoffe, dass dies dann auch wieder in Präsenzveranstaltungen stattfinden kann. Die Sacharbeit lief in diesem ganz besonderen Jahr zwar ungehindert weiter, nicht aber die so wichtige Lobby-Politik, die zwingend den persönlichen Kontakt außerhalb der offiziellen Sitzungen erfordert. Nicht umsonst nennen wir sie im Vorstand „Brötchen-Politik“.

Und last but not least: Die Digitalisierung wird uns weiterhin als zentrales Thema begleiten und auch weiterhin ärgern, schon durch das häufig zu hohe Tempo bei der Implementierung digitaler Entwicklungen, bei dem Sicherheit und tatsächlicher Nutzen für die Praxen nicht mehr im Zentrum der Maßnahmen stehen. Die neue IT-Sicherheitsrichtlinie wird von den Praxen Schritt für Schritt umgesetzt werden müssen. Die darin enthaltenen Anforderungen sind akzeptabel und werden und Psychotherapeut*innen – entgegen den wilden Mutmaßungen in den Ankündigungen zu Beginn – nicht in den finanziellen Ruin treiben. Der bvvp wird seine Mitglieder hier ganz konkret unterstützen.

Schließlich noch eine Bemerkung in eigener Sache: Wenn es denn die Pandemie zulässt, wird sich der bvvp mit einer Veranstaltungsreihe „Weit über’s Land“ bei den Kolleg*innen noch bekannter machen. Parallel dazu läuft unsere erfolgreiche Aktion „Mitglieder werben Mitglieder“ weiter bis zunächst 30.06.2021, die allen Kolleg*innen, eine Dankesprämie in Höhe von 50 Euro gewährt, die einen Kollegen/eine Kollegin erfolgreich von einer Mitgliedschaft im bvvp überzeugen können.

Ich danke allen Vorstandsmitgliedern für die gute Zusammenarbeit, und mein spezieller Dank gilt der Geschäftsstelle, die uns den Rücken freihält und stärkt und ohne die die effektive berufspolitische Arbeit nicht denkbar wäre.

Ulrike Böker
Mitglied des bvvp Bundesvorstands


04.01.2021

2020: Was für ein Jahr!

Eine Bilanz von Bundesvorstand Benedikt Waldherr

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

2020 wird vermutlich als das „Corona-Jahr“ in die Geschichte der Menschheit eingehen. Was für ein Jahr! Was wir erlebt haben, ist beispiellos und in gewisser Weise überwältigend, leider auch im negativen Sinne.

Wir haben eine schwere Pandemiesituation erlebt und erleben Sie weiterhin mit all den schmerzlichen Konsequenzen, die dieses Erkrankungsgeschehen für unser Gesundheitswesen und die Menschen in unserem Land bedeutet. Gleichzeitig wurde aber auch erkennbar, wie gut das Gesundheitswesen funktioniert. Die ambulante Versorgung, zu der auch wir Psychotherapeut*innen gehören, konnte erstaunlich gut unter Beweis stellen, dass sie den Druck auf die Kliniken erfolgreich abmildern kann.

Auch wurde sichtbar, wie wertvoll und wichtig die psychotherapeutische Versorgung unter Pandemie-Bedingungen im deutschen Gesundheitswesen ist. Allen politisch Handelnden, den Medien besonders und den Menschen in unserem Land war sehr rasch klar, dass die Pandemiesituation auch die psychische Not der Menschen erhöhen wird. Aktuell erleben wir in den Praxen die dem Pandemie-Tsunami folgende Welle an Leid. Die Menschen werden arbeitslos, die materiellen Krisen verschärfen sich und, wie zu erwarten war, nehmen die psychischen Probleme der Menschen zu. Der Anstieg ist zwar nicht exponentiell, aber doch rasant und in nahezu allen Praxen spürbar.

Wir haben durch diese Pandemie auch Entwicklungen in der Psychotherapie gesehen, die wir so vor einem Jahr nicht für möglich gehalten hätten. Die Videotherapie hat breiten Einzug gehalten in unsere Praxen. Die meisten Kollegen von uns hätten das noch im Februar 2020 für absolut undenkbar gehalten. Generell beschäftigt das Thema Fernbe-handlungen das Gesundheitswesen. Allenthalben entstehen Telekliniken und andere virtuelle Angebote, die Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen vor Ort ersetzen sollen.

Es hat sich nach mehr als einem halben Jahr mit Videotherapie in der Praxis auch erwiesen, dass Psychotherapie als Notbehelf im Videomodus angeboten werden kann. Darüber können wir zunächst froh sein. Andererseits wurde auch absolut klar, dass die persönlichen Kontakte gerade in der Psychotherapie auf Dauer nicht zu ersetzen sind. Bisher ha-ben wir im bvvp noch von niemanden gehört, dass er / sie im Video-Setting lieber arbeitet als mit echten Patient*innenkontakten. So hat dieser riesige Feldversuch der Videotherapie gezeigt, dass in der Psychotherapie der echte „Mensch-zu-Mensch-Kontakt“ der „Goldstandard“ bleibt und für die Zukunft bleiben muss.

Neben diesem zentralen Themenkomplex „Umgang mit der Pandemie“ haben wir im bvvp im zu Ende gehenden Jahr natürlich auch ganz neue Erfahrungen gemacht. Die berufspolitische Sacharbeit ging trotz Corona ungehindert weiter – wenn auch ohne die Möglichkeit zur Lobbyarbeit in Berlin. Wir haben nur noch vereinzelt persönliche Termine im politischen Aktionsraum wahrgenommen. Auch auf der berufspolitischen Ebene hat Corona Einzug gehalten und damit haben die Videokonferenzen überhandgenommen. In einzelnen Wochen absolvierte ich persönlich, als Vorsitzender des bvvp, bis zu 35 Stunden Videokonferenzen. Auch in diesem Feld sehnt man sich nach dem persönlichen Kontakt zu den Akteuren zurück.

Von großer Bedeutung im Jahr 2020 waren natürlich eine ganze Reihe wichtiger berufspolitischer Themen – allen voran das Thema „Qualitätssicherung“ und entsprechende Entwicklungen seitens des IQTIG.

Hier haben wir die Diskussionen im politischen Umfeld intensiv begleitet, mitgestaltet und an manchen Stellen auch bestimmen können. Uns war es extrem wichtig, für Augenmaß bei der Festlegung und entsprechende „Schlankheit“ der QS-Maßnahmen zu plädieren, die künftig ja im Bereich Psychotherapie eine größere Rolle spielen sollen. Unser Magazin PPP, Psychotherapie in Politik und Praxis, Heft 4/2020, enthält dazu wichtige Erläuterungen, Alternativmodelle und Vorstellungen aus Sicht unserer Profession. Wer sich in das Thema vertiefen möchte, findet auf unserer Homepage auch noch zusätzliches Bonusmaterial, das wir für so lesenswert erachten, dass wir dafür eine eigene Homepage-Rubrik eingerichtet haben.

Insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Antrags- und Gutachterverfahren von Seiten der Politik abgeschafft werden soll, sind neue Modelle der Qualitätssicherung hoch im Kurs. Aber das Gutachterverfahren betrachteten viele Kolleg*innen über lange Jahre als einen wichtigen Bereich der intrinsischen Qualitätssicherung. Auch wenn uns von den Krankenkassen und der Politik immer vorgehalten wurde, manche Gutachten seien durch Textbausteine erstellt oder von Ghostwritern angefertigt worden, hat sich für uns an dieser Stelle eine ganz andere Realität gestaltet. Das Schreiben der Konzeptualisierung für Langzeittherapien schulte und schult uns weiterhin in unserem Denken und in der Folge in unserem Handeln für unsere Patient*innen. Dennoch stehen uns hier neue Entwicklungen ins Haus, die wir natürlich wachsam und kritisch begleiten.

Wir werden dezidiert an den positiven Qualitäten der Konzeptualisierung von Psychotherapien in Form von schriftlichen Berichten festhalten. Vor allem die Vorab-Wirtschaftlichkeitsprüfung und die feste Verfügbarkeit von klaren Kontingenten sind für uns existenzielle Bestandteile der Richtlinienpsychotherapie, die wir auch in Zukunft verteidigen werden.

Auch das Thema „Entwicklung einer neuen Richtlinie für die Behandlung komplex gestörter, multimorbider Patienten im Team mit anderen Behandlern“ war und ist uns sehr wichtig. Hier startet aktuell das Stellungnahmeverfahren der Verbände. Wir haben uns als bvvp dafür angemeldet und werden mit einer ausführlichen Darstellung unserer Position am Entscheidungsprozess teilnehmen. Diese neue Richtlinie nach § 92, Absatz 6 b SGB V soll die Versorgung komplex gestörter Menschen verbessern und uns, ebenso wie die Psychiater*innen, zu mehr Kooperation veranlassen.

Schließlich hat uns in dem zurückliegenden Kalenderjahr auch die Entwicklung einer künftigen Weiterbildungsordnung sehr beschäftigt. Im Rahmen unserer Mandate innerhalb der Bundespsychotherapeutenkammer und den Landespsychotherapeutenkammern haben wir auch hier unsere Expertise eingebracht. Hier mussten wir allerdings anerkennen, dass bestimmte zentrale Kernforderungen unserer Politik nicht wirklich vom Gesetzgeber umgesetzt worden sind – das betrifft vor allem die nach dem Erhalt der Vielfalt der Verfahren schon im Universitätsstudium, nach der Gleichstellung der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen nach altem Ausbildungsrecht mit den Kolleg*innen nach neuem Weiterbildungsrecht und vor allem die Forderung nach Verbesserung der Situation der Ausbildungskandidat*innen.

Intern war das Jahr 2020 im bvvp auch eine Zeit der Konsolidierung. Wir haben unsere Bundesgeschäftsstelle personell weiterentwickelt, sind auf dem Weg zu einer einheitlichen Gestaltung aller unsere Veröffentlichungen im Sinne eines „Corporate Design“ große Schritte gegangen und haben unsere Informationspolitik neu organisiert. Kompakt, wiedererkennbar, immer aktuell – das Magazin PPP, viele Mitgliederinformationen und Broschüren legen von dieser Linie Zeugnis ab.
Hier haben wir großen Dank auszusprechen an unsere Mitarbeiter in der Geschäftsstelle und im Pressereferat. Der bvvp wurde professioneller und effektiver. Gerade unter den Bedingungen der Corona-Pandemie war es extrem wichtig, stets aktuelle Informationen für unsere Mitglieder bereitzustellen.

Es ist also im Rückblick eine Zeit des Dankens für die geleistete Arbeit – Dank an die Mitarbeiter*innen und an die Mitstreiter*innen im Vorstand, in den Landesverbänden und dem Jungen Forum. Auch dank ihrer ist der bvvp weiterhin ein schlagkräftiger Verband in der Landschaft der Psychotherapeutenverbände. Wir sind froh, dass es uns immer wieder ge-lingt – sicher auch in 2021 – eine wichtige Rolle und Funktion in dieser Welt der Lobbyarbeit für die Psychotherapie in Deutschland einzunehmen.


22.12.2020

Ich werde mich aller Voraussicht nach impfen lassen! Aber ich will nicht prioritär geimpft werden!

Am 21. Dezember hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) erwartungsgemäß beschlossen, den Impfstoff von BioNTech und Pfizer freizugegeben. Ab 27. Dezember sollten die Impfungen losgehen.

Der Deutsche Ethikrat hat dazu, gemeinsam mit der Wissenschaftsakademie Leopoldina und den Expert*innen der Impfkommission eine Strategie erarbeitet, in welcher Reihenfolge die am Anfang begrenzte Anzahl von Impfdosen eingesetzt werden soll. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat eine entsprechende Verordnung erlassen, in der drei Gruppen priorisiert werden. In die Gruppe mit der höchsten Priorität fallen unter anderem über 80-Jährige, Pflegebedürftige, medizinisches Personal auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, im Rettungsdienst und Personal im Pflegebereich.

Uns erreichen nun immer wieder Mails von Mitgliedern, die fragen, ob sich der bvvp dafür einsetzt, dass Psychotherapeut*innen prioritär geimpft werden.

Ich selbst arbeite mit den meisten PatientInnen in der Praxis, face to face (oder besser: mask to mask), mit einigen über Video oder Telefon. Nach jeder Sitzung wird komplett durchgelüftet. Praktisch alle meine Patient*innen tragen einen Mund-Naseschutz während der Therapie. Die wenigen Patient*innen, für die dies zum Beispiel ein Triggerreiz ist, haben inzwischen auf Videobehandlung umgestellt. Nach jeder Sitzung desinfiziere ich alle Türgriffe und sonstigen Kontaktflächen. Beim Reinkommen ist im Normalfall quasi keine Berührung irgendeines Gegenstandes in meiner Praxis durch die Patienten notwendig. Ich habe inzwischen ein gutes Auge dafür, was Patient*innen beim Rausgehen berühren.

Ich hatte kürzlich einen Coronafall in meiner Praxis. Nachdem der Patient mich darüber informiert hatte, meldete ich mich selbst beim Gesundheitsamt. Tags darauf wurde ich zurückgerufen. Mir wurde aufgrund der Beschreibung der Kontaktsituation zwar keine Quarantäne angeordnet,  aber dringend geraten, baldmöglichst einen PCR-Test durchführen zu lassen und solange zu Hause zu bleiben. Zwei Tage später hatte ich einen Termin im Testzentrum. Tags darauf hatte ich Gott sei Dank schon ein negatives Testergebnis. Durch den Corona-positiven Patienten haben die Hygienemaßnahmen also eigentlich ihre Feuerprobe bestanden.

Vergangenen Mittwoch, am späteren Abend, hatte ich dann eine Sitzung mit einer Patientin, die in einer Altenpflegeeinrichtung arbeitet. Sie war sichtlich erschöpft und erzählte mir, dass von den aktuell 23 in der Einrichtung befindlichen Bewohner*innen 16 positiv auf Corona getestet seien. Gott sei Dank verlaufe die Erkrankung, trotz des oft hohen Alters der Betroffenen, zum guten Teil eher mild.

Das bedeute aber auch, dass alle anderen Bewohner*innen im Moment noch in der Einrichtung seien. Gleichzeitig seien aktuell 7 von 12 Mitarbeiter*innen infiziert und in Quarantäne. Die Patientin berichtete mir, dass sie den ganzen Tag mit Schutzanzug, Gesichtsbrille, Mund-Naseschutz und Handschuhen arbeite. Sie schwitze eigentlich den ganzen Tag in ihrer Schutzbekleidung. Sie berichtete von 12-Stunden-Schichten und dem Fehlen einer längeren Auszeit seit mehreren Wochen. Erst um die Weihnachtszeit werde sie einige freie Tage haben. Sie werde aber auf Abruf bereitstehen müssen, falls es zu weiteren Personalausfällen komme. Auch die Angst sich selbst anzustecken, sei fast immer präsent!

Inzwischen sei ein Bundeswehrsoldat als Hilfe mit anwesend, der aufgrund fehlender Erfahrung in diesem Bereich allerdings nur Hilfsaufgaben erledigen und dadurch ein wenig entlasten könne. Die Mitarbeiter*innen würden immer wieder kurz auf den Balkonen die Masken und ihre Brillen abnehmen, um wenigstens mal kurz durchatmen zu können.

Nach dieser Sitzung habe ich dann erst einmal überlegt, ob es nicht gut wäre, mich beim Pflegepool Bayern zu informieren, ob ich evtl. den Kriterien genüge, um in solchen Situationen zumindest ein wenig zu unterstützen.

Ich verstehe, dass sich viele Kolleg*innen auch Sorgen machen und sich aus gutem Grund für eine Impfung entscheiden würden. Ich verstehe auch, dass sie hoffen, sich möglichst bald impfen lassen zu können. Natürlich sind auch wir Psychotherapeut*innen aufgrund unserer langen Kontaktseiten ggf. gefährdet. Aber die meisten unserer Patient*innen sind im Normalfall nicht infiziert.

Ich finde es gut, wenn sich Berufsverbände aktiv und mit Nachdruck für ihre Mitglieder einsetzen. Darum bin ich ehrenamtlich berufspolitisch tätig! Im Moment steht allerdings zu befürchten, dass es eine Diskussion darüber geben wird, wer gerade am wichtigsten ist und dabei manchmal vielleicht die Belastetsten aus dem Blick geraten.

Ich will nicht prioritär geimpft werden. Wenn genügend Impfdosen zur Verfügung stehen, werde ich mich aller Voraussicht nach impfen lassen.

Mir kommt aber gerade in diesen Zeiten verstärkt die Definition von sozialer Kompetenz in den Kopf, als Fähigkeit, einen sinnvollen Ausgleich zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen des Gegenübers zu finden. Ich finde, in diesem Sinne soziale Kompetenz zu zeigen, steht uns Psychotherapeut*innen in diesen Zeiten gut an.


10.11.2020

Nicht aufhören zu leben … ein Zwischenruf in Corona-Zeiten

Seit 2. November befindet sich Deutschland in einem Teil-Lockdown oder „Lockdown-Light“, wie auch immer man es nennen möchte. Sicher ist: Wir werden uns auf eine längere Zeit einstellen müssen, in der wir mit dem Virus leben müssen. Von daher halte ich derartige Lockdowns für wenig aussichtsreich. Denn auch wenn es gelingt, mit vier Wochen Lockdown die Zahlen wieder nach unten zu drücken, so werden sie sofort wieder ansteigen, wenn dieser wieder aufgehoben wird. Wir werden so vielleicht eine Überlastung unseres Gesundheitssystems verhindern können, aber um den Preis immer heftiger werdender Kollateralschäden. Eine Lösung habe auch ich nicht. Doch wir werden das Virus auch mit Lockdowns nicht bezwingen. Das Einzige, was damit möglicherweise erreicht werden kann – aber nicht mal das ist wirklich sicher – ist, dass wir die Zahl der Todesfälle verringern können, weil wir eine Überlastung des Systems verhindern. Aber um welchen Preis? Der scheint in der politischen Diskussion bislang eine untergeordnete Rolle zu spielen. Ich stelle bei mir selbst inzwischen folgende zwei Impulse fest: Ich habe Sorge vor einer Infektion mit Corona. Ich tue alles, was in meiner Macht steht, um das Risiko zu verringern. Aber ich werde aus Angst vor dem Sterben nicht aufhören zu leben Die Sorge um meine Gesundheit belastet mich dennoch. Was mich aber zunehmend auch belastet, ist, dass so viele junge und jüngere Menschen derart viele Einschränkungen hinnehmen müssen, um mein gesundheitliches Risiko zu minimieren. Ich will das nicht mehr. Ich sage das als jemand, der 70 Jahre alt ist. Ich möchte auch selbst abwägen, ob ich in den Urlaub fahre, in die Bahn steige, in Hotels übernachte und mit wie vielen Menschen ich mich treffe. Ich werde ganz bestimmt keine (Corona-)Partys feiern oder mich in engen Fußgängerzonen auf Märkten herumtreiben. Es gibt notwendige Einschränkungen, gewiss. Die geplante Geburtstagsfeier habe ich schon abgeblasen – bereits im Sommer, weil ich sehr sicher war, dass sich die Situation genauso entwickeln würde, wie sie sich nun entwickelt hat. Ich möchte aber lieber auf mich selber aufpassen und mein Risiko selbst abwägen als diese Last allen zuzumuten – auch dann, wenn ich gegebenenfalls einen hohen Preis dafür zahlen muss.

Das An- und Abschalten des normalen gesellschaftlichen Lebens per Lockdown und wieder Aufheben desselben wird einen sehr hohen Preis erfordern. Es wird die Kultur, die Gastronomie, die Kinder- und Jugendlichen beuteln, deren Zukunftsperspektiven bedroht sind. Die Ängste wachsen, das gegenseitige Misstrauen wächst an, Sozialkontakte vieler Menschen vermindern sich usw.

Und was wird aus Europa? Was machen die Länder, die schon jetzt wirtschaftliche Probleme haben, die sie kaum bewältigen können? Deutschland hat da wesentlich mehr Möglichkeiten, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie bzw. der Maßnahmen zu deren Bekämpfung zu bewältigen. Aber auch unser Land hat nicht derart hohe Ressourcen, dass es auch noch andere Länder mit hohen Zahlungen über die EU-Töpfe unterstützen kann. Die Folgen der Pandemiebekämpfung bereiten mir inzwischen mehr Sorgen als die gesundheitlichen Folgen der Pandemie. Ich fürchte eine weitere „unser Land first!“-Welle, neue Grenzen und neue Verteilungskämpfe.

Ich kann Wolfgang Schäuble nur zustimmen, der im Frühjahr gesagt hat, dass das Recht auf Leben nicht das einzige Menschenrecht ist: „Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“ Er hat dafür heftige Prügel bezogen. Die nehme auch ich gerne in Kauf.