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Newsarchiv

22.12.2020

Ich werde mich aller Voraussicht nach impfen lassen! Aber ich will nicht prioritär geimpft werden!

Am 21. Dezember hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) erwartungsgemäß beschlossen, den Impfstoff von BioNTech und Pfizer freizugegeben. Ab 27. Dezember sollten die Impfungen losgehen.

Der Deutsche Ethikrat hat dazu, gemeinsam mit der Wissenschaftsakademie Leopoldina und den ExpertInnen der Impfkommission eine Strategie erarbeitet, in welcher Reihenfolge die am Anfang begrenzte Anzahl von Impfdosen eingesetzt werden soll. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat eine entsprechende Verordnung erlassen, in der drei Gruppen priorisiert werden. In die Gruppe mit der höchsten Priorität fallen unter anderem über 80-Jährige, Pflegebedürftige, medizinisches Personal auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, im Rettungsdienst und Personal im Pflegebereich.

Uns erreichen nun immer wieder Mails von Mitgliedern, die fragen, ob sich der bvvp dafür einsetzt, dass PsychotherapeutInnen prioritär geimpft werden.

Ich selbst arbeite mit den meisten PatientInnen in der Praxis, face to face (oder besser: mask to mask), mit einigen über Video oder Telefon. Nach jeder Sitzung wird komplett durchgelüftet. Praktisch alle meine PatientInnen tragen einen Mund-Naseschutz während der Therapie. Die wenigen PatientInnen, für die dies zum Beispiel ein Triggerreiz ist, haben inzwischen auf Videobehandlung umgestellt. Nach jeder Sitzung desinfiziere ich alle Türgriffe und sonstigen Kontaktflächen. Beim Reinkommen ist im Normalfall quasi keine Berührung irgendeines Gegenstandes in meiner Praxis durch die Patienten notwendig. Ich habe inzwischen ein gutes Auge dafür, was PatientInnen beim Rausgehen berühren.

Ich hatte kürzlich einen Coronafall in meiner Praxis. Nachdem der Patient mich darüber informiert hatte, meldete ich mich selbst beim Gesundheitsamt. Tags darauf wurde ich zurückgerufen. Mir wurde aufgrund der Beschreibung der Kontaktsituation zwar keine Quarantäne angeordnet,  aber dringend geraten, baldmöglichst einen PCR-Test durchführen zu lassen und solange zu Hause zu bleiben. Zwei Tage später hatte ich einen Termin im Testzentrum. Tags darauf hatte ich Gott sei Dank schon ein negatives Testergebnis. Durch den Corona-positiven Patienten haben die Hygienemaßnahmen also eigentlich ihre Feuerprobe bestanden.

Vergangenen Mittwoch, am späteren Abend, hatte ich dann eine Sitzung mit einer Patientin, die in einer Altenpflegeeinrichtung arbeitet. Sie war sichtlich erschöpft und erzählte mir, dass von den aktuell 23 in der Einrichtung befindlichen BewohnerInnen 16 positiv auf Corona getestet seien. Gott sei Dank verlaufe die Erkrankung, trotz des oft hohen Alters der Betroffenen, zum guten Teil eher mild.

Das bedeute aber auch, dass alle noch lebenden BewohnerInnen im Moment noch in der Einrichtung seien. Gleichzeitig seien aktuell 7 von 12 MitarbeiterInnen infiziert und in Quarantäne. Die Patientin berichtete mir, dass sie den ganzen Tag mit Schutzanzug, Gesichtsbrille, Mund-Naseschutz und Handschuhen arbeite. Sie schwitze eigentlich den ganzen Tag in ihrer Schutzbekleidung. Sie berichtete von 12-Stunden-Schichten und dem Fehlen einer längeren Auszeit seit mehreren Wochen. Erst um die Weihnachtszeit werde sie einige freie Tage haben. Sie werde aber auf Abruf bereitstehen müssen, falls es zu weiteren Personalausfällen komme. Auch die Angst sich selbst anzustecken, sei fast immer präsent!

Inzwischen sei ein Bundeswehrsoldat als Hilfe mit anwesend, der aufgrund fehlender Erfahrung in diesem Bereich allerdings nur Hilfsaufgaben erledigen und dadurch ein wenig entlasten könne. Die MitarbeiterInnen würden immer wieder kurz auf den Balkonen die Masken und ihre Brillen abnehmen, um wenigstens mal kurz durchatmen zu können.

Nach dieser Sitzung habe ich dann erst einmal überlegt, ob es nicht gut wäre, mich beim Pflegepool Bayern zu informieren, ob ich evtl. den Kriterien genüge, um in solchen Situationen zumindest ein wenig zu unterstützen.

Ich verstehe, dass sich viele KollegInnen auch Sorgen machen und sich aus gutem Grund für eine Impfung entscheiden würden. Ich verstehe auch, dass sie hoffen, sich möglichst bald impfen lassen zu können. Natürlich sind auch wir PsychotherapeutInnen aufgrund unserer langen Kontaktseiten ggf. gefährdet. Aber die meisten unserer PatientInnen sind im Normalfall nicht infiziert.

Ich finde es gut, wenn sich Berufsverbände aktiv und mit Nachdruck für ihre Mitglieder einsetzen. Darum bin ich ehrenamtlich berufspolitisch tätig! Im Moment steht allerdings zu befürchten, dass es eine Diskussion darüber geben wird, wer gerade am wichtigsten ist und dabei manchmal vielleicht die Belastetsten aus dem Blick geraten.

Ich will nicht prioritär geimpft werden. Wenn genügend Impfdosen zur Verfügung stehen, werde ich mich aller Voraussicht nach impfen lassen.

Mir kommt aber gerade in diesen Zeiten verstärkt die Definition von sozialer Kompetenz in den Kopf, als Fähigkeit, einen sinnvollen Ausgleich zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen des Gegenübers zu finden. Ich finde, in diesem Sinne soziale Kompetenz zu zeigen, steht uns PsychotherapeutInnen in diesen Zeiten gut an.


10.11.2020

Nicht aufhören zu leben … ein Zwischenruf in Corona-Zeiten

Seit 2. November befindet sich Deutschland in einem Teil-Lockdown oder „Lockdown-Light“, wie auch immer man es nennen möchte. Sicher ist: Wir werden uns auf eine längere Zeit einstellen müssen, in der wir mit dem Virus leben müssen. Von daher halte ich derartige Lockdowns für wenig aussichtsreich. Denn auch wenn es gelingt, mit vier Wochen Lockdown die Zahlen wieder nach unten zu drücken, so werden sie sofort wieder ansteigen, wenn dieser wieder aufgehoben wird. Wir werden so vielleicht eine Überlastung unseres Gesundheitssystems verhindern können, aber um den Preis immer heftiger werdender Kollateralschäden. Eine Lösung habe auch ich nicht. Doch wir werden das Virus auch mit Lockdowns nicht bezwingen. Das Einzige, was damit möglicherweise erreicht werden kann – aber nicht mal das ist wirklich sicher – ist, dass wir die Zahl der Todesfälle verringern können, weil wir eine Überlastung des Systems verhindern. Aber um welchen Preis? Der scheint in der politischen Diskussion bislang eine untergeordnete Rolle zu spielen. Ich stelle bei mir selbst inzwischen folgende zwei Impulse fest: Ich habe Sorge vor einer Infektion mit Corona. Ich tue alles, was in meiner Macht steht, um das Risiko zu verringern. Aber ich werde aus Angst vor dem Sterben nicht aufhören zu leben Die Sorge um meine Gesundheit belastet mich dennoch. Was mich aber zunehmend auch belastet, ist, dass so viele junge und jüngere Menschen derart viele Einschränkungen hinnehmen müssen, um mein gesundheitliches Risiko zu minimieren. Ich will das nicht mehr. Ich sage das als jemand, der 70 Jahre alt ist. Ich möchte auch selbst abwägen, ob ich in den Urlaub fahre, in die Bahn steige, in Hotels übernachte und mit wie vielen Menschen ich mich treffe. Ich werde ganz bestimmt keine (Corona-)Partys feiern oder mich in engen Fußgängerzonen auf Märkten herumtreiben. Es gibt notwendige Einschränkungen, gewiss. Die geplante Geburtstagsfeier habe ich schon abgeblasen – bereits im Sommer, weil ich sehr sicher war, dass sich die Situation genauso entwickeln würde, wie sie sich nun entwickelt hat. Ich möchte aber lieber auf mich selber aufpassen und mein Risiko selbst abwägen als diese Last allen zuzumuten – auch dann, wenn ich gegebenenfalls einen hohen Preis dafür zahlen muss.

Das An- und Abschalten des normalen gesellschaftlichen Lebens per Lockdown und wieder Aufheben desselben wird einen sehr hohen Preis erfordern. Es wird die Kultur, die Gastronomie, die Kinder- und Jugendlichen beuteln, deren Zukunftsperspektiven bedroht sind. Die Ängste wachsen, das gegenseitige Misstrauen wächst an, Sozialkontakte vieler Menschen vermindern sich usw.

Und was wird aus Europa? Was machen die Länder, die schon jetzt wirtschaftliche Probleme haben, die sie kaum bewältigen können? Deutschland hat da wesentlich mehr Möglichkeiten, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie bzw. der Maßnahmen zu deren Bekämpfung zu bewältigen. Aber auch unser Land hat nicht derart hohe Ressourcen, dass es auch noch andere Länder mit hohen Zahlungen über die EU-Töpfe unterstützen kann. Die Folgen der Pandemiebekämpfung bereiten mir inzwischen mehr Sorgen als die gesundheitlichen Folgen der Pandemie. Ich fürchte eine weitere „unser Land first!“-Welle, neue Grenzen und neue Verteilungskämpfe.

Ich kann Wolfgang Schäuble nur zustimmen, der im Frühjahr gesagt hat, dass das Recht auf Leben nicht das einzige Menschenrecht ist: „Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“ Er hat dafür heftige Prügel bezogen. Die nehme auch ich gerne in Kauf.


16.10.2020

Zeit für Veränderung

Die Zeit der Praktischen Tätigkeit ist seit jeher ein hartes Brot für PiA. Mit der überfälligen Ausbildungsreform wird es hier positive Veränderungen geben – vor allem für die kommenden Generationen.

Bis zum Jahr 2032 (bzw. 2035 nach Härtefallentscheidung) werden noch tausende PiA nach „altem System“ approbieren und von diesen Verbesserungen nichts spüren. Nachdem die jetzige Generation der PiA in den vergangenen Jahren so hartnäckig gekämpft hat, geht sie praktisch leer aus. Auf den letzten Metern versuchte der Gesetzgeber, auch für die PiA in der Praktischen Tätigkeit eine Verbesserung zu schaffen: die 1.000-Euro-Regelung.

Nachdem jahrelang kritisch aufgezeigt wurde, dass viele PiA oft in Vollzeit für unter 500,- Euro monatlich in den Kliniken (Klein-Schmeink, 2017. Was beschäftigt PiA? Umfrage zur Reform der Psychotherapeutenausbildung. Verfügbar unter www.klein-schmeink.de/data/ user/PDF-Dokumente/2017/Ergebnisbericht_PiA-Umfrage.pdf [26.09.2020]) ausgebeutet wurden, schien dies augenscheinlich eine Verbesserung zu bedeuten. Aktuell beobachten wir jedoch leider einen Effekt, der diese Intention ins Gegenteil verkehrt: Kliniken reduzieren Gehälter, die zuvor schon deutlich oberhalb von 1.000,- Euro lagen, auf ebendiesen Betrag. PiA werden unter Druck gesetzt, neue Arbeitsverträge zu unterschreiben. Der holprige, wenn auch gut gemeinte Versuch, unsere Lage zu verbessern, führt paradoxerweise an vielen Stellen zu Verschlechterungen.

Ein Verständnisproblem

Die 1.000,- Euro-Regelung geht davon aus, dass es sich hierbei um eine Verbesserung der Situation handelt. Für Ballungsräume wie Berlin, ein Extrembeispiel, kann dies auch zutreffen. In vielen anderen Klinikstandorten in der Bundesrepublik stellen die 1.000,- Euro eine Verschlechterung dar. Warum eigentlich? Der „Preis“ einer PiA richtet sich leider häufig weniger nach deren Qualifikation, sondern mehr nach Angebot und Nachfrage. Wir beobachten, dass je mehr PiA um eine Klinikstelle konkurrieren, desto schlechter fällt die Bezahlung meist aus. Und das macht aus wirtschaftlicher Perspektive leider Sinn: Je größer die Auswahl an BewerberInnen, desto wahrscheinlicher, dass jemand eine Stelle für weniger bis gar kein Gehalt annimmt.

PiA sind keine unqualifizierten PraktikantInnen. Wir haben bereits ein Studium absolviert und leisten als Fachpersonal einen wichtigen Beitrag zur Versorgung von PatientInnen. Entsprechend fordern wir als bvvp eine Vergütung für die Praktische Tätigkeit gemäß dem erlernten Grundberuf als PsychologInnen und PädagogInnen. Eine Anstellung mit angemessener Vergütung muss nicht im Widerspruch zum Ausbildungscharakter der PsychotherapeutInnenausbildung gesehen werden, wenn in der Klinik fachkundige Anleitung und Supervision gewährleistet sind. Unsere Arbeit ist wertvoll und wir sollten uns nicht unter Wert verkaufen.

An dieser Stelle soll gesagt sein, dass es immer individuelle Gründe geben kann, eine schlecht bezahlte Stelle anzunehmen. Sieht man das System jedoch als Ganzes, sollten wir PiA uns selbst als diejenigen begreifen, die einen maßgeblichen Beitrag zur PatientInnenversorgung leisten –  auf unsere persönlichen Kosten. In einer aktuellen PiA-Studie (Nübling et al., 2020. Psychotherapeutinnen in Ausbildung (PiA) in den Abschnitten Praktische Tätigkeit I und II – Ergebnisse der PiA-Studie 2019. Psychotherapeutenjournal, 19 (2), 128–137) wird deutlich, dass fast die Hälfte der PiA die PT-Ausbildung nur mit familiäre Unterstützung finanziert.

Auf dem Weg zum Traumberuf, opfern wir finanzielle und persönliche Freiheit. Schlimmer, die hohen Kosten führen dazu, dass viele engagierte und qualifizierte Personen die Ausbildung gar nicht antreten, schlichtweg, weil sie es sich nicht leisten können. Es kommt zur sozialen Selektion.

PiA – ein hoffnungsloser Fall?

Die Ausbildungssituation ist oft entmutigend. Obwohl die eigentliche Arbeit meist genau das hält, was sie uns versprach, sind die Bedingungen häufig problematisch. Gerade zu Beginn der Ausbildung entsteht oft ein Gefühl der Ohnmacht, PiA fühlen sich häufig als EinzelkämpferInnen in einem übermächtigen und maroden Gesundheitssystem. Häufig starten wir nach dem Studienabschluss in die Praktische Tätigkeit. Wir freuen uns auf die Arbeit mit PatientInnen und werden dann konfrontiert mit Arbeitsbedingungen, die uns unsere Selbstfürsorge vergessen lassen. Viele werden direkt ins kalte Wasser gestoßen, Kontakt zu anderen PiA gibt es vielleicht gar nicht und wir müssen von Beginn an den anspruchsvollen Stationsalltag alleine meistern.

Und genau liegt ist der Trugschluss: wir sind nicht alleine, wir sind viele und spielen eine wichtige Rolle im Versorgungssystem. Wir sind nicht verantwortlich für die aktuellen Ausbildungsbedingungen, aber es liegt in unserer Hand, Veränderungen herbeizuführen.

Veränderungen schaffen wir nur gemeinsam

Wenn wir uns untereinander vernetzen, sind wir keine EinzelkämpferInnen mehr, wir werden zum Team. Wir schaffen uns dadurch Handlungsspielräume. Räume für unseren Frust, für Austausch und Solidarität. Gemeinsam können wir Informationen verbreiten – denn häufig wissen wir gar nicht um unsere Rechte.

Kenntnis über die eigene Situation erlangen und sich untereinander vernetzen, das sind die zentralen Schritte, um Veränderungen einzuleiten. Gemeinsam können wir Ideen sammeln und als Gruppe Forderungen stellen. Solidarität untereinander schafft Rückhalt, um Veränderungen von unwürdigen Arbeitsverhältnissen in Gang zu bringen, die eine PiA im Alleingang vor große Ängste und Probleme stellen würden.

Wir möchten nicht nur an euch appellieren, euch zusammenzutun, auszutauschen und zu engagieren, wir möchten euch auch auf dem Weg begleiten und unterstützen. Mit Vernetzungs- und Informationsveranstaltungen, Broschüren und gerne auch im persönlichen Kontakt stehen wir für alle eure Fragen rund um die Ausbildung bereit. Wir geben praktische Hilfestellungen, helfen Veränderungen in der Klinik herbeizuführen, bieten Unterstützungen in allen Belangen eurer Ausbildung bis hin zu Themen wie Steuern oder Versicherungen. Wir sind für euch da.


07.09.2020

Prostitution macht krank!


Eine Positionierung von Dr. Stephan Alder

Mit dieser Stellungnahme wird aus meiner Sicht, der des Vorstandsvorsitzenden eines bvvp-Landesverbands und eines Delegierten der Landesärztekammer Brandenburg, vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen als Psychiater und Psychotherapeut Stellung zur gegenwärtigen Lage der Prostitution in Deutschland genommen. Diese Stellungnahme ist sowohl Diskussionsgrundlage als auch ein Aufruf, sich der ausgeführten Position in Teilen oder vollständig anzuschließen.

Die Thesen:

  • Prostitution als Interaktionserfahrung ist ein psychisch pathogener Faktor für alle Bürgerinnen und Bürger und die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Der seit 2002 legale Status der Prostitution verschärft die Pathogenität und verschleiert sie zugleich.
  • Wie Prostitution krank macht, wird mit Hilfe der Psychodynamik der traumatischen Situation und posttraumatischen Reaktion aus Sicht der Psychiatrie/Psychosomatik und Psychotherapie beschrieben.
  • Politische Forderungen leiten sich ab.

Ausgangssituation und Zusammenfassung: In meine Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie kamen Frauen mit krankheitswertigen psychischen Störungen wie Depressionen, Ängsten, dissoziativem Erleben, selbstverletzendem Verhalten verbunden mit Suizidalität und baten um Hilfe, wobei etwas in ihren Störungsbildern markant war und sie von anderen unterschied. Es stellte sich heraus, dass die Ursachen für erhebliche psychische Störungen traumatische Erfahrungen aus der Prostitution waren. Es bestanden massive gesundheitliche Beeinträchtigungen und Folgeerscheinungen. Das sind über Monate und Jahre anhaltendes Kranksein, viele AU-Tage, Krankenhausaufenthalte wegen Essstörungen, Angstzuständen und Depressivität; weiter gehörten dazu dissoziative Zustände (Zustände, in denen die Betroffenen nichts empfinden konnten), Suizidversuche, fragliches Suchtverhalten, diverse Narben auf der Haut und Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wie Schreckhaftigkeit, sich aufdrängende Gedanken und Bilder an das Trauma (Intrusionen) und eine sexualisierte Art von Affektisolation. Die psychische Not war groß. Die Frauen unterzogen sich vorher ambulant und stationär diversen psychiatrischen, psychotherapeutischen und internistischen Behandlungen. So entstand der Gedanke in mir, nicht nur Patientinnen zu behandeln, sondern in diesem Fall politisch aktiv zu werden. Es kann nicht sein, dass in einem humanistisch geprägten und demokratischen Rechtsstaat, der sich an den seit 1948 formulierten Menschenrechten in seinem Grundgesetz orientiert, Gesetze wie das Prostituiertengesetz von 2002 existieren, das Menschen nachhaltig psychisch krank macht.

Etwa zeitgleich häuften sich Publikationen zum Thema Prostitution. So schrieben unter anderen ein ehemaliger Zuhälter (Marquardt, 2011), eine ehemalige Prostituierte und heutige Psychotherapeutin (Schreiber, 2019) und ein ehemaliger Kriminalhauptkommissar (Paulus, 2020) zum Thema. Offenkundig und nicht zu übersehen war der Widerspruch zwischen legaler Prostitutionausübung und Menschenhandel, Sexsklaverei und organisierter Kriminalität (Paulus, 2020, Schwarzer, 2013) und den schwerwiegenden und anhaltenden gesundheitlichen Folgen für die Prostituierten. Öffentlich wurden mehrere Fallgeschichten. Zwei stehen hier exemplarisch: Barbara Schmid, 2020 „Wie holt man seine Tochter aus dem Bordell?“ Eine Reportage in Chrismon vom 01.05.2020 und Andreas Marquardt, 2011: „Härte: Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt“- die Geschichte eines Mannes, der nach viel häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen durch Familienangehörige (vor allem durch die Mutter) zum Zuhälter und Kriminellen wurde, inzwischen nach einem mehrjährigen Wandlungsprozess vor Prostitution warnt und Kinder in Selbstverteidigung trainiert. Beide Einzelschicksale stehen repräsentativ und schmerzlich mahnend für den Notstand Prostitution in Deutschland.

In Deutschland müssen wir von 100.000 bis 400.000 Prostituierten ausgehen, von denen 80 – 90 Prozent nicht aus Deutschland kommen. Die Hauptherkunftsländer der Prostituierten in Deutschland sind Rumänien, Bulgarien, Moldawien, Albanien, Weißrussland, Ukraine, einige auch aus asiatischen, wieder andere aus afrikanischen Ländern wie zum Beispiel Somalia und Nigeria. Wenn wir aufgrund der Daten bis zum Sommer 2019 von mindestens 10.000 deutschen sich Prostituierenden und mindestens 100.000 angeblich legal arbeitenden ausländischen Prostituierten ausgehen, ist es alarmierend, wenn das statistische Bundesamt 2018 angibt, dass sich 76 Personen sozialversicherungspflichtig im Rahmen von Prostitution/Sexarbeit registrieren ließen (Statistische Bundesamt, 2018; Paulus, 2020, S. 139). Inzwischen ist über das Statistische Bundesamt zu erfahren, dass nach einem Bericht vom 26.11.2019 (Niehr, 2019, statista.com/infografik) sich (schon) 32.799 Prostituierte in Deutschland als Folge des Prostituiertenschutzgesetzes von 2017 registrieren ließen. Davon sind 6.194 mit deutscher Staatsbürgerschaft, aus dem europäischen Ausland kommen 23.734 (meistens aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn), 1810 Personen stammen aus asiatischen Ländern, die in dem Bericht nicht differenziert aufgeführt werden, hinzu kommen 760 aus Amerika, 286 aus Afrika und 15 aus sogenannten anderen Ländern. Dabei ist ebenso zu erfahren, dass der Prozess der Erfassung der Prostituierten und der Prostitutionsstätten noch nicht abgeschlossen sei (ebenda).

Hinzu kommt, dass 65 Prozent der Prostituierten in Deutschland laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts von 2018 ohne Krankenversicherung sind (Steffan et al, 2018), obwohl es für jede und jeden in Deutschland Arbeitenden seit 2009 eine Krankenversicherungspflicht gibt. Daraus folgt, dass eine Überprüfung und dringende Änderung der rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen Deutschlands unbedingt zu fordern sind.

Als politische Lösung des Problems werden, erstens, die Einführung des Nordischen Modells vorgeschlagen, wonach die Prostituierten geschützt, die Freier und Bordellbesitzer jedoch bestraft werden. Zweitens sind umfassende Ausstiegswege für Personen aus der Prostitution aufzubauen und die schon bestehenden Möglichkeiten finanziell und organisatorisch zu fördern.

Der Beitrag zur medizinischen Lösung: Da Menschen unbedingt professionelle Behandlungsangebote erhalten sollten, die neben verschiedenen somatischen Erkrankungen häufig auch Symptome der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung zeigen, verbunden mit verschiedenen weiteren psychischen Störungen (Komorbidität), sind hier die Ärzte- und Psychotherapeutenschaft in ihrer Gesamtheit herausgefordert.

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Den vollständigen Artikel, erschienen im Brandenburgischen Ärzteblatt 09/2020, finden Sie hier ab Seite 24.
Wenn Sie sich der ausgeführten Position in Teilen oder vollständig anschließen können, engagieren Sie sich und melden Sie sich! Ich freue mich in jedem Fall über Ihre Reaktion an bvvp@bvvp.de.


26.08.2020

Meine Werte waren für mich immer wichtiger als meine Angst

Jonas P.W. Göbel, Vorstandsbeauftragter für Angestellte, im Gespräch mit Katharina van Bronswijk zu ihrem Abschied als Sprecherin des Jungen Forum des bvvp.


Jonas P.W.Göbel: Liebe Katharina, wir unterhalten uns heute Morgen über dein politisches Engagement und eine Zäsur in deinem Leben – die Prüfung ist geschafft, erstmal herzlichen Glückwunsch zur Approbation.


Katharina van Bronswijk: Dankeschön!

JG: Dein Engagement ging in den letzten Jahren ja in zwei Richtungen, einerseits dein Engagement in Richtung Klima und Naturschutz und andererseits die Berufspolitik.
Fangen wir mit der berufspolitischen Seite an: Wir haben ein neues Gesetz zur Ausbildungsreform: Berufspolitisch das Highlight der letzten Jahre, ist das Ergebnis nicht ganz das, was sich viele vorgestellt haben. Auch wenn die Ausbildungsreform zunächst einmal mit dem Gesetz einen Endpunkt erreicht hat; wie viel von den Erwartungen, die du an das Gesetz hattest, sind erfüllt worden? Und welche Nachbesserungen betrachtest du als notwendig mit Blick auf die Musterweiterbildungsordnung?


KvB: Ich bin froh, dass wir eine Reform hatten, dass da auch mal schwarz auf weiß stand und im Bundestag debattiert wurde, wie scheiße (und da gibt es echt kein schöneres Wort) die PiA-Situation ist. Ich glaube, das Approbationsstudium hat einen guten Spagat geschafft zwischen den inhaltlichen vielseitigen Anforderungen und der Praxisnähe; ich hätte Lust, das nochmal zu studieren. Wie gut die Weiterbildung wird, wird sich dann zeigen, aber auch da habe ich großes Vertrauen in unsere KollegInnen in der Berufspolitik, die an der MBWO arbeiten. Der Bundesgesetzgeber hat, unter dem Zeitdruck der Reform, aber auch unter finanziellem Druck, für die Finanzierung der ambulanten Weiterbildung nicht ausreichend Regelungen getroffen. Da bin ich mir nicht sicher, ob das nicht das am Ende nicht für die Weiterbildungskandidat*innen noch schlimmer wird als in der aktuellen Ausbildung. Und das war schon eine große Enttäuschung. Aber das ist natürlich auch ein Ansporn, weiterzumachen. Auch das hat der Gesetzgeber erkannt und da müssen wir einfach dranbleiben.


JG: Die politische Sichtbarkeit von PsychotherapeutInnen hast du vor einigen Tagen auf Twitter thematisiert, angestoßen durch die Nachfrage eines befreundeten Juristen, der sich über „unsere” Un-Sichtbarkeit wunderte.


KvB: Ich habe mich tatsächlich gefragt. Woran liegt das eigentlich, dass Gesundheitspolitik häufig von Fachfremden gemacht wird? Und warum so wenige PsychologInnen tatsächlich in die Politik gehen. Aber was man in der Berufspolitik braucht, und was wir als Berufsgruppe auch haben: einen langen Atem und Frustrationstoleranz! Und ich würde mir manchmal ein bisschen weniger Machtgeklüngel und stattdessen mehr Zusammenarbeit über die Berufsgruppen hinweg wünschen. Ich war noch nie eine Freundin von zu harten Ellbogen. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich den bvvp als Verband ausgesucht habe, weil wir diesen integrativen Gedanken haben.


JG: Eine Fülle von Abläufen und Projekten sind in den letzten Jahren zu bewältigen gewesen, bei denen man dich antreffen konnte, meist in und um Hamburg, aber immer häufiger auch in Berlin. Dabei waren viele diplomatische und eine Menge kommunikativer Fähigkeiten gefragt. Was ist zentrale Gewinn, den du aus dieser Zeit für dich persönlich mitnimmst? Und was hat dich, mit Blick in deine Biographie, besonders gut auf diese Aufgaben vorbereitet?


KvB: Das ist eine sehr therapeutische Frage (lacht). Ich glaube, ich bin da reingewachsen. Meine Werte waren für mich immer wichtiger als meine Angst und deswegen habe ich mich einfach immer mehr getraut, meine Meinung zu sagen und mich einzusetzen. Meine Aktionserfahrungen bei Greenpeace haben mir sicher geholfen und natürlich das Studium und meine Ausbildung. Genauso wie der kleine Schlenker in die Juristerei.
Der Gewinn für mich persönlich? Das ist tatsächlich, auch auf emotionaler Ebene zu verstehen, dass andere auch nur mit Wasser kochen, gerade PolitikerInnen; und zu verstehen, dass das Menschen sind, die sich genauso für etwas einsetzen, was ihnen wichtig ist. Ich hoffe natürlich, dass ich eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für PiA und PiW erreichen konnte.


JG: Manche Phasen im Leben sind gut – und enden dann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass gesellschaftliches Engagement für dich jetzt mit der Approbation zu einem Ende gekommen ist. Ich gehe vielmehr von dem Gegenteil aus. Verrätst du uns, wie es jetzt für dich weitergeht?


KvB: Beruflich will ich auf jeden Fall erst mal therapeutisch arbeiten. Ich strebe auch eine Niederlassung an, das ist nicht einfach und mal sehen, was ich in der Zwischenzeit mache. Ob ich eine Kostenerstattungspraxis eröffne, in die Anstellung gehe oder eine Dissertation schreibe, da bin ich noch in der Findungsphase.
In der Berufspolitik werde ich die Ausbildungsreform weiterbegleiten. Ich bin ja noch in vielen Netzwerken und an der Berufskammer angebunden, und über das PiA-Politik-Treffen bin ich weiterhin an der Umsetzung der Übergangsregelungen dran.
Aber mir ist es auch wichtig, dass diejenigen, um die es geht, für sich selber sprechen dürfen, deshalb habe ich ja entschieden, den Sprecherposten abzugeben. Ich sehe für das Sprecheramt in erster Linie jemanden, der noch in Ausbildung ist. Und ich freue mich sehr, dass Elli Dallüge Sprecherin geworden ist, die ich für sehr kompetent halte, und ich freue mich, dass wir sie haben.


JG: Die Corona-Zeit hat uns Wissensarbeitern einmal mehr gezeigt, wie viel auch von zu Hause, dezentral und digital, geleistet und erschaffen werden kann, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt. Welche Technologie siehst Du als Natur- und Menschenschützerin als wichtigen Entwicklungsweg?


KvB: Gerade in der Berufspolitik haben wir auch schon vorher viele Telefonkonferenzen gemacht. Jetzt sind es vor allem Videokonferenzen und ich finde Video besser als Telefon, weil man zumindest Gesichter sieht. Auch ist es oft praktischer als zu reisen. Aber: Für mich ersetzt nichts den direkten Kontakt, weder in der Therapie noch in der Berufspolitik.


JG: Was gibst du deinen NachfolgerInnen weiter und was behältst du für dich zurück?


KvB: Was ich im bvvp erreicht habe und was ich auch mit Stolz weitergeben kann, ist die Gründung und der Aufbau des Jungen Forum im bvvp. Ich glaube, dass das eine total wichtige Instanz ist, nicht nur im Verband, sondern auch in der Berufspolitik, die wir machen nach außen. Diese Struktur gebe ich weiter.
Was ich definitiv nicht weitergebe an meine Nachfolgerin ist meine Vorstellung davon, wie Dinge zu sein haben und die Dinge sind. Es hilft nichts, Denkschemata und Interpretationsweisen von anderen zu übernehmen. Ich habe großes Vertrauen in Elisabeth Dallüge, und die anderen Mitarbeitenden im Jungen Forum, dass sie eine gute Vision davon hat, was das Junge Forum leisten kann.


JG: Danke für diesen Rückblick und Ausblick und Einblick.


29.07.2020

Juhu, Pandemiezeit und raus aus dem Hamsterrad – ein Plädoyer für eine Umkehr der Wertehierarchie

Mit diesem provokativen Titel möchte ich keinesfalls die Toten und das Leid, das die Corona-Pandemie mit sich brachte und bringt, verharmlosen. Wenn ich alleine an die Kinder denke, die über Wochen daheimbleiben mussten, nicht selten bei Eltern mit schweren psychischen Störungen, oder an die alten Menschen, die alleine in den Heimen saßen und oft einsam starben, dann bricht es mir das Herz.

Doch daneben gibt es auch durchaus positive Aspekte der Pandemie, die bereits in Vergessenheit geraten. Schließlich muss nun vor allem die Wirtschaft wieder angekurbelt werden – bald um jeden Preis.

Vor einigen Tagen traf ich eine Bekannte, die meinte: „Nächste Woche endet die Kurzarbeit. Dann geht es wieder rein in das verdammte Hamsterrad und das bedeutet wieder Daueranspannung. Eine Reduzierung der Arbeitszeit kann ich mir leider nicht leisten.“

Und eine Patientin meinte: „Jetzt fängt der Druck wieder an. Wir buckeln uns ab, damit sich ein paar Reiche die Taschen noch mehr vollstopfen. Wieso eigentlich immer noch mehr Wachstum? Diese schreckliche Leistungsgesellschaft und dieser schreckliche Kapitalismus!“

Einem nicht unerheblichen Teil meiner Patientinnen und Patienten ging es während des Lockdowns – trotz finanzieller Einbußen und reduzierter Kontakte – besser als zuvor. Sie erlebten den Wegfall des beruflichen Drucks, der vielen Termine des Alltags, der Menschenmassen auf den Straßen als entlastend und wohltuend. Die psychischen Beschwerden hatten sich deutlich reduziert.

Was im Umkehrschluss bedeutet, dass ein erheblicher Teil psychischer Störungen durch die Belastungen in unserem übervollen Alltag und die Überforderungen im Beruf zumindest deutlich verstärkt werden.

Steigender Leistungsdruck, schnellere und sich schneller ändernde Arbeitsprozesse, ausgeweitete Arbeitszeiten, Überstunden, Personalmangel, ständige Erreichbarkeit, befristete und schlecht bezahlte Arbeit sind einige der belastenden Faktoren in der Arbeitswelt. Hinzu kommt ein ständiger Overload durch die Dauerstimulation in den Medien. Zu viel Input, zu viel Lärm, zu viel Umweltverschmutzung, zu viele Menschen.

Unsere Gesellschaft und unser Lebensstil machen psychisch krank!

Es ist aber für die Politik einfacher, die PsychotherapeutInnen zu bezichtigen, dass sie unnötig und zu lange behandeln, als sich dieser Tatsache zu stellen. Diese Vorwürfe werden bevorzugt von unserem industrieaffinen hyperaktiven Gesundheitsminister aufgegriffen – man erinnere sich an die Idee des Obergutachters vor Therapiebeginn – und von Herrn Lauterbach, dessen Partei das „sozial“ schon lang nur noch im Namen trägt.

Kürzlich hörte ich ein Interview mit einem Umweltforscher, der meinte, wenn wir alle uns auf den Lebensstandard der 60er-Jahre reduzieren würden, wäre das der beste Beitrag zum Umweltschutz. Vielleicht wäre es ja auch der beste Beitrag zum Seelenschutz?

Im Rahmen der Ausbildungsreform wurde das Berufsbild durch die BPtK neu definiert. Darin heißt es: „PsychotherapeutInnen beteiligen sich an der Erhaltung und Weiterentwicklung der soziokulturellen Lebensgrundlagen mit Hinblick auf ihre Bedeutung für die psychische Gesundheit der Menschen und setzen sich dabei aktiv für Schutzrechte von Menschen gegen benachteiligende Strukturen und Prozesse ein.“

Vielleicht sollte die Profession ihren Blick deutlicher auf die verursachenden gesellschaftlichen Strukturen richten, statt sich nur auf die Symptombehandlung zu konzentrieren.

Psychotherapie kann nicht als Reparaturbetrieb dienen, um die Menschen wieder in einem kranken Umfeld funktionsfähig zu machen. Psychische Störungen müssen vielmehr als Indikatoren gesehen werden, quasi als „normale“ Reaktionen auf ein krankmachendes gesellschaftliches System. Nicht nur zum Wohle der Menschen, sondern auch zur Abmilderung der Klimakrise muss es einen Paradigmenwechsel geben: weg von schneller, größer, mehr, hin zu einem maßvollen Umgang mit den Ressourcen der Erde und auch des Wesens Mensch. Das erfordert auch eine vollkommene Umkehr der Wertehierarchie, in der im Moment der Profit und das Wachstum den ersten Platz einnehmen – zur maßlosen Bereicherung einiger Weniger und zum Schaden Vieler.

Im Politischen muss das heißen, dass PsychotherapeutInnen genauso wie ÄrztInnen lauter ihre Stimme erheben gegen gesellschaftliche Missstände. Die Psychologists for Future sind ein gutes Beispiel für eine solche Bewegung.

Im Gesundheitswesen kann das nichts anderes bedeuten, als dass der Ökonomisierung Einhalt geboten werden muss. Krankheit darf keine wirtschaftliche Ware, Krankenhäuser dürfen nicht profitorientiert ausgerichtet sein, nicht als Aktiengesellschaften mit möglichst hoher Dividende.

Und im Therapieraum? Hier ist die dysfunktionale Gleichsetzung vom eigenen Selbstwert der PatientInnen mit ihrer Leistungsfähigkeit fast immer Thema und die Änderung der Wertehierarchie sowie der kritische Blick auf die Leistungserwartungen Therapieinhalt. Was verschafft kurzfristige Befriedigung und was trägt zur langfristigen Zufriedenheit bei?  

Nur diejenigen, die in der Fülle leben, können sich dafür entscheiden, auf etwas zu verzichten. Verzicht auf Konsum muss damit als Luxus verstanden werden, nicht als Beeinträchtigung der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten.

Das alles wäre wunderbar und scheint nicht unmöglich zu sein. Wenn man denn die aktuelle Krise als Chance nutzt.


13.07.2020

Als PiA in Corona-Zeiten

Aufatmen, Durchatmen. Mit oder ohne Maske. Das ist den Ausbildungskandidaten und Ausbildungskandidatinnen in der psychotherapeutischen Lehrpraxis freigestellt. Es war Anfang April und absehbar, dass die verhängten Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nicht weiter an Schärfe zunehmen würden. Die Erleichterung hierüber ließ sich bei Patienten und Therapeuten gleichermaßen erkennen, ob sie nun Maske trugen oder nicht. Auch würde keine Praxisschließung erfolgen, die psychotherapeutische Grundversorgung musste, so wurde entschieden, auch durch „systemrelevante“ PiA aufrechterhalten werden.

Die anfängliche Verunsicherung vieler Patienten löste sich in Dankbarkeit darüber auf, dass ihre Therapien weiterhin stattfinden würden, sie für einen festen Termin das Haus verlassen und ihre Sorgen teilen konnten. Die Video- und Telefonsprechstunde wurde mit einiger Verzögerung auch den PiA zugänglich gemacht und in der Lehrpraxis rasch installiert. Die Wahrung einer nicht selbstverständlichen „Normalität“ in besonderen Zeiten schaffte auch bei den Therapeuten emotionale Entlastung.

Die Folgen des Ausnahmezustands und die Angst vor einer möglichen Infektion fügen sich ganz unterschiedlich in die Krankheitsbilder der Patienten ein. Gemeinsam sind vielen die negativen Auswirkungen sozialer Isolation sowie Jobsorgen oder Jobverlust und damit ganz konkrete Geldnöte. Wie mir ein Patient berichtete, sei ich für ihn der einzige persönliche Kontakt, den er momentan aufgrund der Krise noch habe und er sei sehr dankbar für diese Möglichkeit. Insgesamt bleibt es beachtlich, wie gut die große Mehrzahl der Patienten mit den Einschränkungen umzugehen versteht.

Sorgen vor Arbeitsplatzverlust oder finanziellen Engpässen sind indes nicht nur Themen im Behandlungsraum, sondern auch unter den Ausbildungsteilnehmern. Viele PiA können von geleisteten ambulanten Psychotherapiestunden oder der praktischen Tätigkeit in der Klinik nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten und sind prekär beschäftigt. Sie müssen ganz unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen, um ihre Ausbildung und die von ihnen geleisteten ambulanten Behandlungsstunden zu finanzieren. Ein Umstand, den die Krise nur noch deutlicher zutage förderte.

Wie einige Ausbildungsteilnehmer berichteten, fühlen sich Kliniken sowohl durch die Ausbildungsreform als auch durch die Pandemie verunsichert und nehmen weniger PiA in Dienst, was die ohnehin schwierige Suche nach einem Klinikplatz weiter beeinträchtigt. Diese Ungewissheit darüber, wann, wie und zu welchen Konditionen die Ausbildung fortgesetzt werden kann, hat viele Ausbildungskandidaten bei ihrer Planung stark verunsichert und diese manchmal sogar fast unmöglich gemacht. Wie die Kolleginnen und Kollegen mit den Widrigkeiten der Ausbildung umgehen und trotz alledem wertvolle Arbeit leisten können, gerade und auch in der Krise, ist bemerkenswert. Glücklicherweise konnten für die Vermittlung von Lehrinhalten an unserem Institut Lösungen gefunden werden, sodass an dieser Stelle die Ausbildung weitergehen konnte. Andere Institute haben sich hiermit schwerer getan, wie man hört. Insgesamt erlebte ich den Umgang des Instituts, an dem ich selbst beschäftigt bin, mit der Krise wie auch an anderen Stellen als kulant und angemessen. Bei aller Tapferkeit und Hilfsbereitschaft, die PiA mit vielen anderen Menschen in der Krise teilen, für sie bleibt es ein entscheidendes Ziel, die teure Ausbildung in überschaubarer Zeit erfolgreich zu beenden.


24.02.2020

Die Systemische Therapie: Der lange Weg ins System

Alle haben sich mitgefreut, als die Systemische Therapie in die ambulante psychotherapeutische Versorgung aufgenommen und die Richtlinien angepasst wurden. Aber wie immer steckt der Teufel im Detail.

Der lange Weg: Bereits im Jahr 2008 wurde die Systemische Therapie vom Wissenschaftlichen Beirat als „anerkanntes wissenschaftliches Verfahren“ für alle Altersgruppen anerkannt. Zehn weitere Jahre dauerte es, bis der Gemeinsame Bundesauschuss G-BA am 22. November 2018 verkündete, dass die Systemische Therapie die Kriterien für ein Richtlinienverfahren erfüllt und zukünftig für die ambulante Behandlung gesetzlich versicherter Patientinnen und Patienten zur Verfügung steht. Damit wird die ambulante psychotherapeutische Versorgung erstmalig nach fast 40 Jahren um ein neues Psychotherapieverfahren erweitert.

Die Zulassung ist aber zunächst beschränkt auf die Behandlung von Erwachsenen. Für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen wird die Systemische Therapie in den nächsten Monaten ihren Nutzen im G-BA belegen müssen.

Nun bedarf es aber noch einiger weiterer Regelungen, bis die Systemische Therapie tatsächlich abgerechnet werden kann.

Der nächste Schritt nach Anerkennung durch den G-BA ist die Aufnahme in die Psychotherapie-Richtlinie. Die entsprechenden Änderungen sind am 24. Januar 2020 in Kraft getreten. Aber noch immer ist es nicht soweit, dass abgerechnet werden kann!

Weitere Bedingung ist die Anerkennung der Fachkunde des/der betreffenden Psychotherapeuten/in zunächst durch die zuständige Kammer und dann durch die zuständige Kassenärztliche Vereinigung. Dazu muss die Psychotherapie-Vereinbarung angepasst werden, was derzeit in Arbeit ist.

Und schließlich müssen neue Gebührenordnungspositionen für den EBM beschlossen werden. Dazu steht dem zuständigen Gremium, der Bewertungsausschuss, eine Frist von sechs Monaten ab Inkrafttreten des Beschlusses des GBA, also bis Juli 2020 zur Verfügung. Dabei geht es vor allem um die Frage nach der Vergütung des Mehrpersonensettings, bei dem man von einem höheren Aufwand als beim Einzelsetting ausgehen muss.

Detaillierte Informationen finden unsere Mitglieder im Info Kompakt Systemische Therapie des bvvp.


18.12.2019

Oh du fröhliche, oh du selige … digitale Gesundheitswelt. Papier ging verloren, ePa ward geboren, freue, freue dich, oh Kassenarzt.

Eine schöne Bescherung haben wir, dank Minister Spahn, auf jeden Fall. Gesundheits-Apps auf Rezept, Videosprechstunden, Patientendaten für die Forschung. Kurz, alles, das gesamte Gesundheitswesen, soll digital werden. Und damit das gelingt, werden all jene, die sich nicht an die TI anschließen lassen eben mit 2,5 Prozent Honorarabzug bestraft. Dumm nur, dass die Industrie – wieder einmal – nicht in der Lage ist, die Geräte in ausreichender Zahl zu liefern. Ein Umstand, der schon erstaunt. Denn die Zahl der kassenärztlich Tätigen ist schließlich überschaubar. Der Markt fest aufgeteilt und keiner der PVS- Kunden hat die Möglichkeit, mal eben den Konnektor von einem anderen Anbieter zu nutzen. Also eigentlich alles kalkulierbar. Auch die wiederkehrenden Bedenken rund um das Thema EDV-Sicherheit werden immer wieder entweder ignoriert oder argumentativ beiseite gewischt: Man möge doch bitte der Zukunft nicht im Wege stehen. „Die Digitalisierung ist da, jetzt wird sie an die Ärzte ausgeliefert“, so lautet eine der Parolen. Auch die Schuldfrage für eventuelle Pannen ist dabei bereits geklärt. Nicht der Staat übernimmt die Verantwortung, auch nicht die Industrie, die uns die black-boxes in unsere Praxen stellt. Nein, wir Psychotherapeuten und Ärzte vor Ort. Warum? Weil es so am einfachsten ist. Auf die paar Wählerstimmen aus der Ärzteschaft kommt es nicht an. In Zeiten des Populismus ist es viel schöner, sich vor die Pressemikrofone zu stellen und zu verkünden, dass man nun endlich die Ärzte zum Arbeiten bringe, indem man 25 Stunden Sprechstunde angeordnet habe. Das bringt Applaus. Genauso wie die öffentliche Ankündigung, alles für den Datenschutz der Patienten tun zu wollen. Wen kümmert es, dass quasi nebenbei eben dieser Datenschutz durch die Änderungen am Paragraph 303 des SGB-V ausgehöhlt wird.

Wir wollen dieser (digitalen) Zukunft nicht im Wege stehen. Ganz im Gegenteil. Wir fordern nur von unseren Volksvertretern, die sich selbst gern als die „große Politik“ bezeichnen, unser Mitspracherecht ein. Und wir fordern: Kassenärzte, Patienten, alle im Gesundheitssystem Beteiligten sollen und müssen ausführlich informiert werden, darüber, wie die Systeme funktionieren, wo welche Daten zu welchem Zeitpunkt lagern und wer auf sie zu welchem Zweck und zu wessen Nutzen Zugriff hat. Damit am Ende nicht doch Huxley recht behält: „Triumphe der Propaganda wurden nicht durch Handeln, sondern durch Unterlassung erreicht. Groß ist die Wahrheit, größer aber, vom praktischen Gesichtspunkt, ist das Verschweigen von Wahrheit.“


21.08.2019

Die Klimakrise ist da: Warum die Unterstützung des bvvp für die Psychologists/Psychotherapists 4 future konsequent und richtig ist

Als Mitglied des psychotherapeutischen Nachwuchses habe ich es immer sehr geschätzt, einen Berufsverband in meinem Rücken zu wissen, der mich über aktuelle berufspolitische Entwicklungen informiert und der mir hilft, mir meine eigene (berufs-)politsche Meinung zu bilden.

In ihrem Blogartikel „Psychologists for future“ auf der bvvp-Homepage? – ein Widerspruch verkennt Frau Dr. med. Andrea Mann-Rentz leider, dass eine Unterstützung dieser Initiativen eben keinen Bruch mit dem therapeutischen Abstinenzgebot bedeutet – der bvvp als Berufsverband spricht mit seinen Mitgliedern und hilft bei deren politischer Meinungsbildung. Der Adressat ist in diesem Fall also eine KollegIn und nicht deren PatientIn.

Zu vielen anderen gesundheitsrelevanten Themen, wie zu Behandlungsleitlinien, der elektronischen Patientenakte, dem TSVG nimmt der bvvp eine Position ein und gibt den Mitgliedern so Möglichkeit zur Meinungsbildung.

Der Klimawandel hat und wird in Zukunft erwiesenermaßen verstärkt einen Einfluss auf die psychische Gesundheit unserer PatientInnen haben (Quelle: APA „Mental health and our changing climate“). Eben darauf wollen die Psychologists/Psychotherapists 4 Future hinweisen. Unser Gesundheitssystem, mit allen seinen BehandlerInnen, muss auf diese veränderten Behandlungsanlässe und Rahmenbedingungen vorbereitet werden. Und wer, wenn nicht mein Berufsverband, sollte (und muss) diesen Vorbereitungsprozess für mich als Mitglied anstoßen und begleiten?

Wir werden in unserer Arbeit nicht nur als TherapeutIn von unseren PatientInnen wahrgenommen, sondern auch als RepräsentantInnen unseres Berufsstandes. Wenn man mich mal wieder fragt: „Was sagst du als Psychologin eigentlich zu …“, dann möchte ich darauf vorbereitet sein, eine gute Antwort zu haben.

Nur so können wir – außerhalb des therapeutischen Settings mit PatientInnen – auch kollektive Prozesse in der Gesellschaft verstehen und begleiten.

In zwei Punkten stimme ich mit Frau Mann-Rentz überein:  Ja, es gibt viele Anlässe für Angst, alle diese Anlässe können Thema in der Therapie sein. Aber ebenso kann es der Klimawandel sein. Daher sollten wir uns als BehandlerInnen auch mit unseren eigenen Emotionen und Einstellungen zur Klimakrise beschäftigen, diese reflektieren und so vorbereitet sein, um unbefangen auf unsere PatientInnen reagieren zu können, wenn sie es thematisieren.

Diese Krise ist eine Krise, die nicht nur einzelne unserer PatientInnen betreffen wird. Sie wird eine Krise sein, die unser aller Leben substanziell verändert.

Und das bedeutet auch, wie Frau Mann-Rentz andeutet, dass jede/jeder von uns das eigene klimarelevante Verhalten reflektieren sollte. Doch dazu steht nicht im Widerspruch, dass der bvvp diese Denkprozesse mit einem Hinweis auf die Psychologists/Psychotherapists 4 Future bei den eigenen Mitgliedern anstößt und anstoßen sollte.