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Jeden Tag ist Internationaler Tag gegen Rassismus

von Anne-Marie Scholz
  • 26. März 2024

Am 21. März ist stets Internationaler Tag gegen Rassismus. Ein Tag, der schon immer wichtig war, aber derzeit in einem besonderen Licht erscheint. Denn es ist eine Zeit, in der rechtsextreme Kräfte und der Einfluss der Rechtspopulisten in einem erschreckenden Ausmaß erstarken. Glücklicherweise ist es gleichzeitig auch eine Zeit, in der Millionen Menschen bundesweit für eine Gesellschaft auf die Straße gehen, die Vielfalt, Demokratie und Solidarität befürwortet. In jedem Fall ist unser Miteinander stark spaltenden Kräften ausgesetzt und das bedeutet, dass es dringend eine gesetzliche Stärkung des Schutzes vor Diskriminierung braucht.

Rassismus ist, auch wenn es mir etwas unangenehm ist, das zuzugeben, etwas, bei dem ich mich selbst nur selten als Teil des Problems erlebe. Weiß ich doch um meine vermeintlich durchweg wertschätzende Grundhaltung jeder und jedem gegenüber, egal welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe und welcher Herkunft. Doch dann kommt mir eine Studie, die ich zu Unizeiten las, in den Sinn, bei der Bilder von Menschen mit weißer und schwarzer Hautfarbe gezeigt wurden, die jeweils verschiedene Gegenstände in der Hand hielten. Unter Zeitdruck musste man als Betrachtende*r entscheiden, ob die Person eine Waffe in der Hand hielt oder einen harmlosen Gegenstand. Die Idee dahinter: Unser Gehirn entscheidet, noch bevor wir bewusst darüber nachdenken, ob wir etwas oder jemanden als gefährlich einordnen. So läuft auf der unbewussten Ebene teilweise auch Rassismus ab. Es zeigt, das Problem ist so viel tiefer in jedem/jeder von uns verankert, als uns lieb ist.

Und die unangenehme Wahrheit ist: Auch wir Psychotherapeut*innen sind nicht davor gefeit. Das zeigten auch die Ergebnisse einer, wie ich finde sehr erschütternden Studie (1), die durch das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) durchgeführt und im November 2023 veröffentlicht wurde. Untersucht wurden im Zeitraum von Juni bis November 2022 Diskriminierungserfahrungen im deutschen Gesundheitswesen. Hierzu wurden bundesweit über 21.000 Personen zum Zugang zu Gesundheitsleistungen sowie zu ihren Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen in diesem Kontext befragt. Das Ergebnis: Tatsächlich war die Benachteiligung, die Menschen erfuhren, die einen Nachnamen angaben, der auf eine nigerianische oder türkische Herkunft hinwies, unter allen untersuchten Fachgruppen bei den Psychotherapeut*innen am größten! So lag die Wahrscheinlichkeit, einen Termin zu bekommen, bei Personen mit türkischem Namen um zwölf Prozentpunkte und bei Menschen mit nigerianischen Namen um acht Prozentpunkte niedriger als wenn ein Name genannt wurde, der auf eine deutsche Herkunft schließen ließ. Und das trotz identisch formulierter Terminanfrage. Dieses Ergebnis zeigt deutlich, dass das Problem auch in den psychotherapeutischen Praxen existiert und über strukturelle Hürden (wie zum Beispiel fehlende deutsche Sprachkenntnisse bei einer telefonischen Terminvereinbarung) weit hinausgeht. Vielleicht ist dieser Internationalen Tag gegen Rassismus einmal mehr als eine Einladung, sich mit den eigenen, oft unbewussten Vorurteilen, Diskriminierungs- und rassistischen Tendenzen kritisch auseinanderzusetzen. Denn: Sollten nicht gerade wir Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen entschlossen für eine Welt einstehen, in der alle Menschen gleichermaßen respektiert und in der die Würde und der Wert eines jeden Menschen geachtet werden?

1 Quelle: https://www.rassismusmonitor.de/publikationen/rassismus-und-seine-symptome/

Autor*in

Anne-Marie Scholz

Anne-Marie Scholz, Psychologin, macht in Heidelberg die Ausbildung zur Psychotherapeutin mit Fachkunde TP. Sie ist im Jungen Forum aktiv sowie Teil des Bezirksteams Nordbaden. Außerdem ist sie Institutssprecherin am Heidelberger Institut für Psychotherapie, Teil des Orga-Teams des PiA Politiktreffens sowie gewählte PiA-Vertreterin der LPK Ba-Wü.

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